(Zu den Sujets auf dieser Seite biete ich auf Anfrage jederzeit gerne Vorträge bzw. Seminare an!)

KAHLKOPF sucht  KAHLKOPF  (Hippies & Zippies, Zauberpilze und Techno-Trance)

GORDON WASSON - "Der Banker und die Zauberpilze"

AUF BRAUNEN KRÖTENSTÜHLEN

LSD - SÄUREKOPF & ACID-TEST

REGGAE - DER KAISER VON ÄTHIOPIEN, DER FUSSBALL UND DIE SKINHEADS

VOODOO-KULT & ROCKMUSIK - "A Black Cat Bone and a Mojo too"

CON SPIRITO  E  DELIRIO - (klassische) TONKUNST und DROGENRAUSCH

DIE OPIUMESSER UND DER 'CLUB DES HASCHISCHINS'

 HIPPIES - Die wahren Väter des Internet

E-Mail von KEN KESEY ("Einer flog über das Kuckucksnest") vom 5. Juni 2001 Erinnerung an das Ende der legendären Perry Lane

Updates 22.12.10:

Das Youtube-Phänomen Canon Rock oder: Guitar Heroes im Bett

Die Provos - Fahrradfahrer, Nichtraucher, Gammler & Anarchisten"

"Züri brännt !"


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KAHLKOPF SUCHT KAHLKOPF
(HIPPIES & ZIPPIES, ZAUBERPILZE UND TECHNO-TRANCE)
(von Dr.Lutz Neitzert)
(Vortragsmanuskript zu einer Veranstaltung zum Thema "Biogene Drogen" am 26.1.98 in Herten)

Der Kahlkopf sucht den Kahlkopf! Raver, die sich aufmachen, um vor dem Start ins Wochenende auf Wiesen und Weiden, gebückt über Kuhfladen Pilze zu ernten (- den spitzkegligen Kahlkopf / Psilocybe semilanceata oder den Glockendüngerling / Panaeolus sphinctrinus -)... Daß ausgerechnet innerhalb der Techno-Szene, inmitten einer Jugendkultur also, die den Umgang mit Accessoires und Spielmaterialien aus der Welt der Hightech zu ihrem Prinzip erhoben hat, eine Renaissance „naturbelassener" Rauschmittel stattfinden könnte, das stand eigentlich kaum zu erwarten. Doch eine durchaus tonangebende Fraktion innerhalb dieser Bewegung ist ganz offensichtlich dabei, jenes Sortiment an biogenen Drogen zu rekultivieren, das ehedem der typischen Ausstattung des Hippies zugerechnet wurde. Neben den erwähnten Zauberpilzen, den magic mushrooms, erleben auch der Peyotl-Kaktus, die Liane der Seelen (Ayahuasca), der Zaubersalbei, der Stechapfel und die Engelstrompete, die Tollkirsche und das Bilsenkraut oder der Fliegenpilz ihre Wiederkehr in unerwartetem Ambiente.
Fahndet man nun nach möglichen Berührungspunkten dieser auf den ersten Blick so divergenten Subkulturen und nach Wegen möglicher Indoktrination, so lassen sich einige Kontaktstellen durchaus konkret und sinnfällig lokalisieren. Als eine in hohem Maße mobile Gesellschaft fiel die Raving-Society auf ihrer Suche nach möglichst spektakulären Schauplätzen fast zwangsläufig auch immer wieder in traditionelle Hippie-Refugien ein. Im indischen Goa („Goa-Szene"), in Kalifornien - aber auch in Europa. Insbesondere in England begegneten die Techno-Anhänger schon in den späten 80er Jahren an mystischen Kultstätten wie Stonehenge jenen Nachfahren der Flower-Power-Bewegung, die, in Gestalt der New-Age-Travellers, als „fahrendes Volk" damals versuchten, den wachsenden gesellschaftlichen und politischen Zwängen  im Großbritannien Margaret Thatcher’s zu entgehen. Die Aversionen zwischen beiden Gruppen blieben dabei erstaunlich gering und so kam es bald zu ersten Annäherungen und personellen Verknüpfungen. Alte Hippie-Veteranen (wie etwa Fraser Clark) übernahmen als rührige Impresarios die Organisation von Techno-Clubs und Raves, zudem begannen sie unverzüglich damit (als Herausgeber vielgelesener Szeneblätter wie etwa der  „Encyclopedia Psychedelica"), einen bis heute andauernden spannenden Prozeß in Gang zu setzen. Ganz bewußt initiierten sie einen Ideologietransfer zwischen der redegewandten Diskussions-Kultur der Hippies (und deren Themen)  und der als narzistisch und sprachlos eingeschätzten Techno-Gefolgschaft.
Auch die Musiker beider Lager fanden langsam Gefallen an Synthesen: Steve Hillage etwa, der in den 70er Jahren eine sphärisch-psychedelische Gitarrenmusik zelebriert hatte, produziert nun erfolgreiche Technoprojekte („System 7"), und Bands wie „Spiral Tribe", „The Shamen", „The Orb" oder „Hexstasy" liefern mit  (eher klanglich als rhythmisch geprägter) Trance- und Ambient-Music den Soundtrack einer facettenreichen Szene, für die bald auch schon ein passendes Etikett gefunden war: „ZIPPIES"!
„’Hippies with Zip!... Before Zippies we had all these silly fragmented subcults not talking to
each other,’ says Fraser Clark: ‘Hippies had dwindled to a few thousand around the country. I told them the ravers are our reinforcements, and they arrived just in time.... I  spent my first twenty years as a Hippie trying to get away from the techno side of things!’ (And) now he's getting a modem for his PC!" (Artikel über „Zippies" von Jules Marshall aus der Internetausgabe der Zeitschrift „Wired"2.05)
Angeregt von alten und neuen Vordenkern wie Terence McKenna („Mushrooms, Sex & Society") oder auch Timothy Leary, begann eine Debatte nicht zuletzt über die Frage nach der spezifischen Bedeutung der verschiedenen Rauschmittel. In diesem Kontext wurde dann natürlich auch jene Bibliothek wieder aufgeschlagen die in den 60er/70er Jahren das ideologische Fundament entsprechender Diskussionen geliefert hatte. Neugelesen werden heute wieder die programmatischen Texte von Wortführern der Psychedelic-Bewegung wie Alexander Shulgin („Pihkal - Psychedelics I Have Known And Loved"), Albert Hofmann (dem Entdecker des LSD), Gordon Wasson (dem Erforscher der mexikanischen Pilzrituale), Aldous Huxley („Pforten der Wahrnehmung") oder auch einschlägige Belletristik von Carlos Castaneda („Die Lehren des Don Juan") bis hin zu Lewis Carroll ("Alice im Wunderland").
Über das konkrete Objekt (den Pilz oder das Kraut) hinaus kamen so für die Techno-Szene völlig neue Denkansätze und Weltanschauungen in den Blick, welche die Palette dieser Jugendkultur ohne Zweifel bereits entscheidend erweitert haben. Neben eher Skurrilem aus dem Sinnstiftungsrepertoire des New Age (- und gelegentlich Unbehaglichem: nur am Rande sei hier erwähnt, daß pflanzliche Rauschmittel eingebettet in einen esoterischen Kontext nordisch-mythischer Provenienz auch innerhalb neurechter/neofaschistischer Zirkel in Mode zu kommen scheinen! -) wird tatsächlich wieder gesprochen (und das in zeitgemäßer Form) über ökologische und explizit politische Fragen:
"’The political content of (our) music is intrinsic,’ Will Sinnott, (member) of the early Zippieband The Shamen pointed out...’It stimulates ego-role behavior reduction, offering the experience of unity and affinity with others. This experience invalidates liberal, individualistic ideology and creates true political opposition!’" („Wired"/s.o.)
Und als vielleicht bedeutsamster Aspekt dieser Entwicklung ist jetzt, wie es den Anschein hat,  auch eine dezidiert konsumkritische Haltung zumindest wieder diskutabel geworden:
„... what is being offered is an entire cultural attitude, a post-cyberpunk,  post-consumerist way of life... (avoiding) the selfish, consumer-oriented and technologically dependent libertarianism!" („Wired"/s.o.)
Vielleicht läßt sich hier nun (bei aller Vorsicht - aber auch mit dem uns Soziologen eigenen Hang zur Überspitzung) der Versuch einer ersten Einschätzung wagen:
Interpretierte man das Auftauchen von (auf Amphetamin-Basis fabrizierten) aufputschenden Designerdrogen wie Ecstasy in den 80er Jahren mit einigem Recht als Manifestation eines Wandels vom (sedierenden) Eskapismus (etwa als Punk-Attitüde) zum Doping für das Saturday Night Fever, so ließe sich nun möglicherweise wiederum die ganz spezifische Aura pflanzlicher Halluzinogene als neuerliches Indiz für eine beginnende Umorientierung deuten.
Diese Substanzen scheinen einen kommunikativen Austausch regelrecht zu provozieren.
Fast alle diese Pflanzen sind besetzt mit Erzählungen und Assoziationsfeldern (mit vielgestaltigen Anknüpfungspunkten), die gerade Jugendliche anzusprechen vermögen.  Auch scheint der Umgang mit ihnen (anders als der mit den kleinen bunten Pillen) rituellere, konzentriertere Formen des Gebrauchs zu bedingen und zudem die Tendenz zu einer gerade innerhalb der Techno-Szene ungewohnten Langsamkeit in sich zu tragen:
„The symptoms (of this new and rapidly spreading cultural virus are) attacks of optimism, strong feelings of community, and lowered stress levels!" („Wired"/s.o.)
Was nun diese möglicherweise neuentstehende Diskurskultur anbetrifft, die sich oft eben ganz konkret am Sujet der biogenen Drogen zu entwickeln beginnt, so findet diese ihr sicherlich wichtigstes Forum im Internet. (- Wobei erwähnt sein muß, daß die Idee des WorldWideWeb als eines subversiven, antiautoritären und nicht kommerzialisierten Mediums eine Lieblingsidee vor allem der späten Hippies im Westen der USA gewesen ist. Nicht zufällig gehörten zu den frühen Internet-Gurus solche Leute wie Timothy Leary oder auch John Perry Barlow, einst Songschreiber der Rockkommune „Grateful Dead". Dementsprechend hatte die Drogen- und Psychedelic-Szene natürlich schon von Beginn an ihre Nischen im Netz -). Heute wird via Internet, wie man weiß,  gehandelt und gedealt aber eben auch, und das ist in unserem Kontext höchst bedeutsam, es wird dort in vielfältigster Weise kommuniziert - vor allem in den unzähligen Diskussionsforen (jedermann problemlos zugängliche Newsgroups unter Namen wie „alt.drugs", „alt.psychoactives", „rec.drugs.psychedelic", „de.soc.drogen" oder „alt.drugs.mushrooms") oder auf eigenen (privaten oder von Szenezeitschriften veranstalteten) Internetseiten/Homepages (unter Adressen wie  „http://www.hyperreal.org", „http://www.discover.nl" oder „http://deoxy.org/mckenna.htm").
Es ist nun bezeichnend, daß hierin „Threads" (d.h. Diskussionsstränge) über pflanzliche Rauschmittel mittlerweile den weitaus größten Raum einnehmen.  Oft laufen die typischen Diskurse dann in etwa nach dem folgenden Schema ab:
Frage: „Hat jemand Informationen über die Substanz X oder Y?"
Geantwortet wird daraufhin zumeist als erstes mit konkreter Information  (nicht selten auch gefährlicher Fehlinformation!) über Wirkungs- und Gebrauchsweise, über medizinische, biologische/chemische und juristische Aspekte.  Es folgen danach fast immer persönliche Berichte (Trip-Stories) - entweder begeistert, desillusioniert oder warnend.
Weiten Raum nimmt daneben auch häufig die Idee der Pharmazie ein (d.h. das in unserer Gesellschaft reflexhaft sich einstellende Bedürfnis, die Wirkstoffe in ihrer Potenz durch Raffinieren zu verstärken - eine Tendenz, die gerade in der Geschichte der Drogen immer wieder verheerende Auswirkungen zeitigte: vom Kokablatt zum weißen Pulver! -).
Und dann eben abschließend (bzw. neue Diskussionen anstoßend) ideologische Interpretationsversuche (oft in bezug auf die erwähnten Philosophen und Autoritäten)  und nicht selten weiterführend zu den letzten Fragen nach dem Sinn des Lebens und überhaupt!

Dies sind, wie gesagt, erste vorsichtig gewagte Hypothesen, deren Relevanz oder Irrelevanz sich dann in zukünftigen Entwicklungen noch zeigen wird.
 

SWR-„Zeitwort"
vom 23.12.99
                                                23.DEZEMBER 1986
GORDON WASSON STIRBT
                                    "Der Banker und die Zauberpilze"
                                                   (von Lutz Neitzert)

Als Investmentbanker des namhaften New Yorker Finanzhauses „Morgan" gab es für den Pfarrerssohn Gordon Wasson im Kollegenkreis sicherlich einigen Erklärungsbedarf bezüglich jenes Hobbys, welches sich zu einer lebenslangen Passion auswachsen sollte.

Begonnen habe alles, so sagte er, während eines Waldspaziergangs mit seiner russischen Frau Valentina. Ihre leidenschaftliche Begeisterung für Pilze erschien ihm ziemlich suspekt und als sie ihm dann auch noch ihre Fundstücke als Abendmahlzeit servierte, kam es zu einer heftigen Diskussion. Und ihnen sei schnell klar geworden, daß es offensichtlich bestimmte Weltkulturen gebe, die jenen Gewächsen zu- und andere, die ihnen eher abgeneigt seien. Als ausgewiesene Gourmets verfielen sie darauf, einmal die Speisekarten der verschiedenen Länder auf diese These hin durchzublättern.
Doch bald erhielt das Thema eine umfassendere Wendung. Weit über den Teller- und den Waldesrand hinaus begann Wasson in Kunst, Literatur und Religion nach Pilzen Ausschau zu halten.
Richtig spannend aber wurde es erst, als er Hinweise darauf erhielt, daß es in Mexiko einen noch lebendigen Pilzkult geben solle.
Im Jahr 1955 schließlich war er der erste Weiße, dem es gestattet wurde, an einem Zauberpilzritual der Mazateken-Indianer teilzunehmen. Die Schamanin Maria Sabina reichte in einem intimen Gottesdienst zu tiefkatholischer Liturgie als Hostien keine Opladen, sondern winzige Pilze, die eine äußerst starke Rauschwirkung entfalteten. Diese „Teonanacatl" - so der mazatekische Name und übersetzt: das Fleisch Gottes - gediehen, so ließ man ihn wissen, mit Vorliebe auf Kuh- und Schafdung und seien schon seit vielen Jahrhunderten in Gebrauch.

Wieder zurück in der Realität und in den Vereinigten Staaten ordnete Wasson seine Erlebnisse in einem Aufsatz für das  „Life-Magazine" und damit geriet die Sache in die Öffentlichkeit.
Vor allem Albert Hofmann, ein Schweizer Chemiker bei „Sandoz", der gerade aus einem anderen Pilz, dem Mutterkorn, das LSD synthetisiert hatte, wurde aufmerksam und es gelang ihm, die wirksame Substanz der mexikanischen Spezies zu isolieren - das Psilocybin - eine der stärksten halluzinogenen Drogen, die wir kennen.
 

Währenddessen fahndete Wasson in allen Weltreligionen nach weiteren Hinweisen auf die rituelle Verwendung solcher Substanzen, und die von ihm gefundenen Indizien schufen Raum für allerlei (durchaus gut begründete) Spekulationen. Während des griechischen Festes der Auferstehung des Dionysos, den Eleusien etwa (an denen fast alle Dichter und Denker der Antike, von Plato bis Sophokles, teilgenommen haben), soll ein berauschendes Getränk aus dem Mutterkorn für die rechte Stimmung und Begeisterung gesorgt haben - und hinter der Götterspeise der altindischen Veden, dem „Soma", verberge sich nichts anderes als unser Fliegenpilz.

Diese Thesen wurden zunächst vor allem in elitären Zirkeln von Literaten wie etwa Aldous Huxley, Robert Graves oder auch Ernst Jünger diskutiert. Zirkel, in denen nicht nur debattiert, sondern auch eifrig probiert worden ist.

Doch dann kamen die 68er, und Bewußtseinserweiterung wurde bevorzugtes Metier der Hippies. Psychedelische Drogen kamen in Mode und so konnte es nicht ausbleiben, daß auch in diesen Kreisen die Zauberpilze einiges Interesse auf sich zu ziehen begannen.
 
 

(einige Takte aus: „Rainy Day, Mushroom Pillow"  von  „Strawberry Alarm Clock")
                                                                                               MCA CDWIKD 56

Und so rieb sich Gordon Wasson auf seinen Mexiko-Reisen immer häufiger verstört die Augen, wenn er dort, gekleidet im üblichen Freizeitdress amerikanischer Manager, im großkarierten Baumfällerhemd, auf Batikblusen und Schlaghosen traf - und statt Indiomusik auf Jimi Hendrix oder die „Doors".
Ungewollt und unvermutet avancierte ausgerechnet er, ein Banker aus Manhatten, zum Guru einer Szene, deren Denkungsart und Weltanschauung ihn zutiefst befremdete. Vehement aber erfolglos wehrte er sich dagegen, die „Magic Mushrooms" als Massendroge zu profanisieren. Zu vielversprechend klangen die Geschichten, welche sich um sie rankten, und viel zu wohlfeil kam man in ihren Besitz - auch außerhalb Mexikos fand man die potenten Düngerlinge, Rißpilze und Kahlköpfe auf fast jedem größeren Kuhfladen.

Er tat sein Bestes, um dennoch einigen Abstand zu den Haschischpropheten zu wahren, schloß die Tür seines Studierzimmers und widmete sich weiter seinen pilzwissenschaftlichen Forschungen.

Am 23.Dezember 1986, heute vor 13 Jahren, starb Gordon Wasson - und so erlebte er nicht mehr mit, wie die Zauberpilze unlängst an völlig unerwarteter Stelle wieder auftauchten - ausgerechnet in der Technoszene nämlich, wo seither so mancher Raver tief gebeugt über die Wiesen streift - auf der Suche nach dieser vermeintlich ökologisch korrekteren Alternative zum Ecstasy - Kahlkopf sucht Kahlkopf!

(Manuskript SWR-"Dschungel" "DIE ZAUBERPILZE, DER BANKIER UND DIE BLUMENKINDER"
 auf Wunsch per E-Mail!)
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AUF BRAUNEN KRÖTENSTÜHLEN
(von Dr.Lutz Neitzert)

Als (Kultur-)Soziologe arbeite ich bereits seit den Nachwendejahren - aus gegebenen Anlässen - über die rechtsextremistische Szene.
Nun gut, werden Sie vielleicht denken, lobenswert allemal, aber was soll dieses unbehagliche Thema denn jetzt, um alles in der Welt, hier im „Tintling" (1/2001)?
Durch die hinlänglich medienpräsenten Skinheads wird allzu oft übersehen, daß darüber weit hinaus auch in andere Subkulturen längst Versatzstücke neofaschistischer Weltanschauung eingedrungen sind.
Triumphierend vermeldete schon vor einiger Zeit etwa die „Junge Freiheit", das einflußreichste Forum einer neurechten Intelligenz:
„Abseits vom unappetitlichen Gegröle der (Skin-)Bands hat sich Unkonventionelles eine Plattform geschaffen: inmitten des Arkanums linksalternativen Bewußtseins sprießen schwarze Blüten. Die rechte Independent-Szene hat es sich in der remotesten Nische gemütlich gemacht: in der Schnittfläche von Nietzscheanischem Nihilismus, Wagnerschen Mythen, okkulter Dunkelei und Heroismus"!
Eine Reihe von Publikationen, Verlagsgründungen und Schallplattenprojekten haben in der Folge einer völkischen Mystik (von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt) einiges an neuem Terrain erobert. Unter programmatischen Titeln wie „Im Blutfeuer", „Thorak" oder „Riefenstahl" versammelten sich Musikgruppen mit solchen Namen wie "Von Thronstahl", "Turbund Sturmwerk", "Projekt Blauland", "Nothwende", "Forthcoming Fire" oder "Allerseelen" und schufen zwischen Heavy-Metal- und Darkwave-Klängen, Bruitismus und nordischer Folklore den Soundtrack für die Renaissance eines weiteren Kapitels aus der Mottenkiste.

Und in diesem schwülen Biotop gedeihen nun in der Tat an durchaus exponierten Stellen PILZE - braune Krötenstühle gewissermaßen, eingewebt in altbekanntes ideologisches Gespinst.

Aufmerksam geworden bin ich darauf zum ersten Mal, als mir einer der Wort- und Rädelsführer der Szene, der Österreicher Gerhard Petak  (seines Zeichens Kopf der oben erwähnten Band „Allerseelen"), ein ganz besonderes Exemplar seiner Zeitschrift „Ahnstern" zukommen ließ. Dort pflegt er ansonsten (zu Recht vergessene) sinistre Gestalten wie etwa Himmler's Hausmystiker Karl Maria Wiligut („Operation Ahnenerbe"), den rumänischen Faschistenführer Codreanu oder Mussolini's Vordenker Julius Evola in pathetischen Porträts zu reanimieren. Mir zugedacht hatte er allerdings offensichtlich ein Ausgabe, welche einem anderen Sujet gewidmet war: seinen Erlebnissen mit dem Spitzkegligen Kahlkopf nämlich. Ganz auf den Spuren seines erklärten Idols Ernst Jünger, der ja auch seine Pilztrips, wie man weiß, literarisch verarbeitet hat, sucht er hier im Psilo-Rausch Kontakt zu seinem ach so faustisch-melancholischen Wesen:
„(Ich) trat auf eine feuchte smaragdgrüne Lichtung, auf der den ganzen Sommer Kühe gestanden waren... Hier hoffte ich, fündig zu werden. Ich ging durch das feuchte Gras, hielt Ausschau nach den kleinen dunkelbraunen Wesen mit ihren spitzen Hüten... Sie sollten mir geistige Nahrung sein für die Reise ins Reich der fröhlichen Wissenschaft ... Ich dachte an die Mysterienkulturen des Altertums, die das Kristentum (sic!) ausgelöscht hatte. Vielleicht stand ich in einer heimlichen Tradition...? ... (Eine) insgeheime Wirklichkeit, ein unterweltliches Kraftfeld, ein unterirdisches Myzel, das geduldig... Jahrhunderte unter Tag wartete, um erst dann... in Pilzzirkeln sichtbar in Erscheinung zu treten, wenn Zeit und Ort reif waren... Meine Glückspilze waren nicht scharlachrot, sie waren braun!... / Salzburg, 10.Mai 1997 !"

Rechte Esoteriker wie „Kadmon" (so sein Künstlername) haben längst begonnen, zwischen New Age-Anhängern und Mondkälbern zu wildern.

Vor allem biogene Rauschmittel scheinen dabei tatsächlich wieder in Mode zu kommen.
In einschlägigen Verlagsprogrammen zieren neben Runen immer häufiger auch Fliegenpilze, Alraunenmännlein und andere Hexenkräuter die Buchumschläge. Heidnische Zirkel raunen davon an Externsteinen, bei Sonnwendfeiern und in Schwitzhütten, und eine Verortung dieser Ingredienzen im wohlfeilen weltanschaulichen Koordinatensystem ist offenbar schnell vollzogen: die Scholle sei es, welche auch die zuträglichen Stimulanzien und Psychedelika hervorbringt, die der eingeborenen Volksseele artgemäß auf die Sprünge helfen. Was wollen denn auch der echte Germane und seine holde Gefährtin, bitteschön, mit Ganja, Koks und Opiaten? Nicht nach THC oder Diacetylmorphin, nach Ibotensäure und Psilocybin lechzt der Geist des Nordmanns. (LSD?! - nun gut, darüber müßte man wohl erst einmal eingehender nachsinnen - immerhin ist das Lysergsäurediäthylamid ja, wie man weiß, ein Derivat aus dem heimischen Mutterkorn!)

Und außerdem, was läge denn wohl für einen veritablen Kahlkopf  näher, als auf teutschen Fladen den Erdgeist aus Psilocybe Semilanceata heraufzubeschwören?

Einmal auf der Spur wird man auch im Internet (dem ureigenen Revier aller rechten Propagandisten) bald fündig. So gibt es etwa auf der Homepage der Organisation „Stormfront" (Betreiber ist der amerikanische Neonazi und Ku-Klux-Klan-Führer Don Black) das seitenlange Traktat eines gewissen Revilo P. Oliver, der sich auf die Thesen John M. Allegro's seine braunen Reime macht. Der renommierte Historiker Allegro (im Hauptberuf einer der Spezialisten und Übersetzer der Qumran-Rollen, jener geheimnisvollen Papyrus-Funde vom toten Meer, die zuletzt die theologische Welt in Aufruhr versetzten) schrieb 1970 einen Aufsatz mit dem Titel „The sacred Mushroom and the Cross", worin er die urchristlichen Riten als Fliegenpilz-Zeremonien deutete. Eine, zugegeben, doch etwas skurrile Idee, die dennoch (oder deswegen) ehedem in Kifferkreisen (bei Shit und „In-a-Gadda-da-Vida") eifrig diskutiert worden ist - und dabei nicht zuletzt Eingang auch in die Musikgeschichte fand: ließ sich doch das legendäre Duo „Witthüser & Westrupp" (wie letzterer mir gegenüber unlängst noch einmal bestätigte) davon inspirieren zu seiner Platte über den „Jesus-Pilz" („Am Anfang war nichts als Brösel!" - Sie erinnern sich?). Doch heute, die Zeiten haben sich auch hierin ganz offensichtlich tiefgreifender geändert, als uns lieb sein kann, finden sich andere Interpreten mit ganz anderen Deutungen:
„Die verderbte Idee des Evangeliums stammt, soviel scheint sicher, von einem Mann, einem Arier, den man gemeinhin kennt unter den Namen Zoroaster, Zaraustra, Zarathustra... Seiner alten Tradition gemäß genehmigte er sich einst einen Becher 'Soma' (ein Gebräu aus Fliegenpilzen, Amanita Muscaria) und machte sich auf, den höchsten der Götter zu schauen. Und dieser lehrte ihn dann, was zu predigen sei, die sterblichen Seelen zu verführen... So gebar, meiner Überzeugung nach, Zarathustra's Halluzination die epochalste Katastrophe der Menschheit!" (- veröffentlicht worden ist dieser Artikel übrigens zuerst im „Liberty Bell", dem Parteiorgan der „National Socialist Party of America"!) (Übers.L.N.)

Nicht mehr der „Rat der Motten in der alten Eibe am Wegesrand" (wie bei W&W) ist es, der hier tagt, wohl eher schon eine neue „Wannseekonferenz".

Und auch in Europas Osten sind jüngst Mykologen der besonderen Art aufgetaucht.
Birke & Fliegenpilz (die zwei Partner in Mykorrhiza) sehen sich dort unvermittelt wieder als vermeintliche Symbole der russischen Seele.
Ein 1999 (mittlerweile auch in Deutsch) erschienener Bestseller des Moskauer Schriftstellers Viktor Pelewin, „Generation P" (="Generation Pepsi"), spielt mit ebendiesen Assoziationen. Ironisch/selbstironisch zwar, als Satire, und sicher ist der Autor nicht in gleichem Maße in eine rechte Politszene verstrickt wie die zuvor genannten Pilzfreunde. (Außerdem sind im heutigen Rußland eindeutige politische Zuordnungen per se fast unmöglich geworden.) Dennoch gehören er und sein Text in den Dunstkreis jener neuen russischen Avantgarde, die vorsätzlich kokettiert mit nationalistischen Heilsideen  - und eben nicht zufällig wird denn auch im Roman der vorgeblich ethnisch korrekte Fliegenpilz aufgewogen gegen die skrupellosen Kokain-Nasen der an den US-Kapitalismus verlorenen Sklavenseelen der neureichen und vaterlandslosen Yuppies, Broker und Werbemanager.

Natürlich sollte man das alles nicht überinterpretieren, doch aufpassen, daß diese Myzelien nicht weiter wachsen, das sollte man schon. Die ersten Hexenringe jedenfalls, die sind für den, der hinschaut, an vielen Stellen bereits zu erkennen.

(Dieser Text ist auch erschienen in
RONALD RIPPCHEN (Hrsg.) "ZAUBERPILZE" (Neuauflage 2002)
und in
WERNER PIEPER (Hrsg.) "NAZIS ON SPEED"
                                                                          (Beide Bücher im Verlag Grüne Kraft 2002)
 

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SWR-„Dschungel"
vom 13.6.01          LSD - SÄUREKOPF UND ACID-TEST
                                                       (von Lutz Neitzert)
 

MUSIK: aus GRATEFUL DEAD  „DARK STAR"
(die Textzeilen: „Mirror shatters in formless reflections of Matter / Glass Hand dissolving to ice petal Flowers revolving / Lady in velvet recedes in the Nights of goodbye / Shall we go, you and I while we can? / Through the transitive Nightfall of Diamonds!“)
 

Sprecherin: LSD - Lysergsäurediethylamid - Acid - Säure - Papers - Pappen - Wafers - Waffeln - Sheets - Crackers - Royal Blues - Pink Jesus - Pink Floyd - Deep Purple...
 

Sprecher 1: In den Gassen des Mittelalters waren sie ein vertrauter Anblick - erbarmungswürdige Gestalten, die sich delirierend und konvulsivisch zuckend in „Veitstänzen“ am Boden wälzten und deren Glieder bei lebendigem Leib verfaulten - im Endstadium jener Krankheit, die man das „Antoniusfeuer“ nannte.
Sprecher 2: Der Orden des Heiligen Antonius hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dieses furchtbare Siechtum zu bekämpfen, dessen Auslöser ein kleiner unscheinbarer Pilz gewesen ist: das „Mutterkorn“, ein Getreideparasit, der in feuchten Jahren das Mehl verseuchte.
Sprecher 1: Doch auch die segensreichen Eigenschaften von „Claviceps Purpurea“ waren seit Jahrhunderten bekannt. Den Hebammen diente das Gewächs als Wehenmittel...
Sprecher 2: ...daher auch der Name: „Mutterkorn“!

Sprecher 1: Der medizinische Nutzen war es auch, der Albert Hofmann, einen jungen Chemiker des Schweizer Pharmakonzerns „Sandoz“, dazu veranlaßte, den wirksamen Inhaltsstoff zu isolieren. Die Substanz erhielt in der chemischen Nomenklatur den Namen Lysergsäurediethylamid - kurz: LSD!

ZITAT: "Vergangenen Freitag, 16 April 1943, mußte ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im
Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe... befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und  versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte  Phantasie kennzeichnete...
Bei geschlossenen Augen... drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher
Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden
verflüchtigte sich dieser Zustand." 1

Sprecher 1: Dabei war ihm damals bloß ein winziges Tröpfchen der Tinktur versehentlich auf die Haut geraten. Neugierig geworden auf mehr, entschloß er sich 3 Tage später zu einem wagemutigen Selbstversuch. Vorsichtig, wie er glaubte zu sein, wog er eine vermeintlich unbedenkliche Dosis von 0,25 Milligramm ab. Nun, heute weiß man, daß bereits ein Zehntausendstel Gramm für eine Reise in Alice’s Wunderland ausreicht...
Sprecher 2: ...eine Menge von kaum noch mit bloßem Auge sichtbarer Winzigkeit!
Sprecher 1: Er hatte sich also eine geballte Ladung verabreicht und erlebte ein wahres Höllenspektakel.
Sprecher 2: Doch der Heilige Antonius stand auch ihm bei!
 

MUSIK: aus „ACID QUEEN“ von THE WHO (in der von TINA TURNER gesungenen Fassung)
(die Textzeilen: „I'm the Gypsy - the Acid Queen / pay before we start / I'm the Gypsy - the Acid Queen /
I'll tear your Soul apart!“)
 

Sprecherin: ...Sandoz - S - K2  - Twenty Five - Flat - Flip - D - Dimples - Quicksilvers - Flugschein -Ticket...

Sprecher 1: Zunächst sorgte seine Entdeckung nur in wissenschaftlichen Kreisen für Aufsehen. Allerdings nicht nur bei Pharmazeuten.
Sprecher 2: In Harvard arbeitete ein angehender Psychologieprofessor an neuen Methoden der Psychotherapie - Timothy Leary! Mit wachsendem Interesse beobachtete er die verblüffende Wirkung halluzinogener Chemikalien auf seine Versuchskaninchen...
Sprecher 1: ...mit Vorliebe Theologiestudenten...
Sprecher 2: ...er verwendete den Wirkstoff der mexikanischen Zauberpilze, das Psilocybin, aber vor allem Hofmann’s LSD.
Sprecher 1: Was ihm zunächst die Aufmerksamkeit der Studenten einbrachte, dann der Journalisten und schließlich der Universitätsleitung.
Sprecher 2: Im Wintersemester 1962 warf man ihn raus!
Und bald sah man ihn an anderen Schauplätzen. Den Weisskittel hatte er mittlerweile gegen ein schmuckes Batik-Hemd eingetauscht und an seine Fersen geheftet hatten sich sinistre Trenchcoatträger in Diensten des FBI und der CIA.
Sprecher 1: In seinem Gepäck fand auch das LSD seinen Weg aus dem Erlenmeyerkolben hinaus ins Freie.
Sprecher 2: Und wie zu seiner Begrüßung vertonten die „Fugs“ - eine Underground-Band um die beiden gerichtsnotorischen Kiffergrößen und Politrevoluzzer Ed Sanders und Tuli Kupferberg - sein Motto:

MUSIK: aus THE FUGS „TURN ON, TUNE IN AND DROP OUT“
(daraus die Textzeilen: „Turn on, Tune in and Drop out! Gimme, gimme, give to me, gimme dat, give it to me! Hey, I want that! Me, me...!“)
 

Sprecherin: ...Windowpane - Orange Sunshine - Californian Sunshine - Hawaiian Sunshine - Phoenix - Owsley’s...

ZITAT: "Die Herren Doktoren Leary und Alpert grillten damit die Hirne braver Harvard-Jungs zu Pommes: LSD! Das war noch bevor Dr. Osmond den Begriff  'psychodelisch' erfand, den man später zu 'psychedelisch' verbesserte, um die Klappsmühlen-Assoziationen von 'psycho' loszuwerden. Es war in der Tat ein nettes kleines Geheimnis, auf das man da gestoßen war... oder eigentlich war es vielmehr der Triumph der Versuchskaninchen... Irgendwie kriegten die Drogen plötzlich Beine und machten sich auf den Weg zur alten Perry Lane ... in Stanford’s Bohème-Viertel!" 2

Sprecher 2: Der Rädelsführer dieser Szene hieß Ken Kesey und hatte gerade mit einem Theaterstück Furore gemacht: „Einer flog über das Kuckucksnest“! In seinem Gefolge die „Merry Pranksters“, eine wilde Truppe aus hochgradig verhaltensauffälligen, Theater spielenden Freaks.
Sprecher 1: Und von Anfang an mitten drin, als ihr Chronist gewissermaßen: Tom Wolfe!
Er beobachtete die Geburtsstunde der „Flower-Power“, machte sich seine Notizen und seinen Reim darauf und veröffentlichte 1967 das Ergebnis seiner Feldstudie:
Sprecher 2: "Unter Strom - The Electric Kool-Aid Acid Test"!

ZITAT: „Alle möglichen Leute begannen, sich an der Perry Lane zusammenzufinden. (Hier gab es) das legendenumwobene Wildbret-Chili..., ein Kesey-Gericht aus Wildbretpichelsteiner mit einer kleinen Prise LSD, von dem man sich was reintun und sich dann auf die Matratze in einer Astgabel... flätzen konnte, um mitten in der Nacht eine Runde mit der riesigen Lightshow droben am Himmel zu flippern... Die Lane war einfach zu schön, um wahr zu sein!“ 3

Sprecher 2: Die erste (und bis dahin letzte) Jugendbewegung war der Rock’n’Roll gewesen.  Doch jetzt, 10 Jahre später, hatten die Teens und Twens anderes im Sinn als bloß mit Motorroller und Transistorradio am Strand zu lungern und gelegentlich vor den Augen empörter Erwachsener auf den Bürgersteig zu spucken.
Noch nie hatte eine junge Generation solches Selbstbewußtsein zur Schau getragen und solche Ansprüche gestellt. Anders als die intellektuell eher unbedarften Halbstarken, versuchte man alles, was man tat, in rhetorisch geschliffenen Manifesten zu begründen. Und dabei suchte man den Kontakt zu gleichgesinnten Koryphäen aus dem Reich der Wissenschaften. Die Soziologen und Politologen etwa wußten gar nicht, wie ihnen geschah, als sie urplötzlich „pop“ wurden. Doch der Guru der Gurus war und blieb für sie alle Tim Leary:

ZITAT: „Wenn es... jemanden gab, der begreifen würde, auf was (wir) aus waren, dann war das Leary... Man hatte (ihn) aus Harvard verscheucht und aus Mexiko und aus diesem Loch und aus jenem, aber schließlich hatte (er) und seine Gruppe, die ‘Liga für den spirituellen Durchbruch’,... in einem riesigen viktorianischen Herrensitz in Millbrook ein Zuhause gefunden... Daher: auf nach Millbrook!... (Wir und) die Pranksters fielen... in der tiefgrün verwucherten Schauerroman-Parklandschaft ein... und wie ein jahuchzender Wanderzirkus raste der Bus sternenbannergeschmückt und vor tobendem Rock’n’Roll schier berstend... den schmalen Weg hinauf... Alle warteten auf das große Zusammentreffen von Kesey und Leary. Nun, man teilte ihnen mit, daß Leary... in ein sehr ernsthaftes Experiment vertieft wäre, einen 3-Tages-Trip, bei dem er nicht gestört werden durfte. Kesey war... sehr enttäuscht, ja verletzt!“ 4

Sprecher 1: Also beschloß man, zum Frustabbau gewissermaßen, eine Party zu veranstalten. Und wenn schon, denn schon!

ZITAT: „Als Kesey aus jener unheimlichen Nacht auf dem Friedhof auftauchte, brachte er die Vision mit, die ganze Welt anzutörnen, und obendrein eine leicht irre, aber praktische Methode, dies zu bewerkstelligen, (die) bekannt (werden sollte) unter der Bezeichnung der ACID-TEST!“ 5

Sprecher 2: Der Acid-Test, gedacht als eine Art Massentaufe mit Lightshow und Musik.

ZITAT: „Seit Monaten ist Kesey dabei, seine Vision auszuarbeiten... Es sollte sich dabei um eine große Kuppel handeln, die auf einem zylindrischen Pfeiler steht. Das Ganze würde wie ein überdimensionaler Pilz aussehen... Die Leute würden über eine Wendeltreppe im Zylinder hinaufgelangen - sich eine Eintrittskarte kaufen? -  nu-u-u-u-u-nnjja... Und die Kuppel selbst wäre mit einem riesigen Schaumstoffboden ausgelegt... Darin versenkt Projektoren für Filme... und überall Lautsprecherboxen...!“6

Sprecher 1: Nun, ganz so bombastisch wurde die erste Inszenierung am 27. November des Jahres 1965 - ob leerer Kassen und fehlendem Organisationstalent - dann doch nicht.

ZITAT: „Der erste Acid-Test... verlief ziemlich formlos...!“7
Sprecher 1: ...und im kleinen Kreis.
Sprecher 2: Doch mit von der Partie bei der Premiere war der Beatpoet Allen Ginsberg. Dessen euphorisches Urteil hatte Gewicht. Und so wuchs sich das Ganze schließlich, während der nächsten Monate dutzende Male wiederholt, doch noch zum erwünschten Spektakel aus. Bis das LSD-Verbot 1967 dem Treiben ein Ende bereiten sollte.

Sprecher 1: Aus dem Geist des Mutterkorns war eine neue Subkultur entstanden. Musiker, deren Stil zum Soundtrack der Acid-Tests geworden war, machten fortan Karriere. Und Leary wurde nicht müde, nach angemessenen weltgeschichtlichen Bezügen zu suchen:
Sprecher 2: Während der geheimnisumwitterten „Eleusien“ im alten Griechenland etwa habe ein aus dem Pilz gewonnenes berauschendes Gebräu illustre Geister der Antike, von Plato bis Sophokles, in eine neue Umlaufbahn befördert und so erst zu ihren großen Werken inspiriert.

ZITAT: “Kesey hatte sich mit einer Rock’n’Roll-Band zusammengetan, den ‘Grateful Dead’, deren Boß Jerry Garcia war, jener verwahrloste Slumbursche, der zusammen mit anderen Tagedieben - Lumpenbeatniks - in Palo Alto... gewohnt hatte; man hatte sie immer hinauswerfen müssen, wenn sie herübergekommen waren, um die Parties an der Perry Lane zu sprengen...!“ 8

Sprecher 1: Die Musik war wundervoll - dennoch kam es leider auch schon im Goldenen Zeitalter der Bewegung zu dem ein oder anderen stimmungstötenden Zwischenfall:

MUSIK: (im Hintergrund eine instrumentale Passage aus „DARK STAR“ / eventuell beim Wort „...Asche“ abrupt abwürgen)

ZITAT: „Das erste Massen-Acid-Erlebnis, die Morgendämmerung der psychedelischen Ära, der Blumenkinder-Generation... und Big Nig will seine Saalmiete!!! ‘Wie issn mit der Asche?’ ...Garcia taucht seine Finger in die Saiten seiner Gitarre und die Töne kommen heraus wie ein mächtiges orangefarbenes Lachen sämtliche Sicherungen demoliert elektrischer Funken springt in Farben in das glitzernde Gesichtermeer... Hier wird ein Stern geboren - ein Glühbirnchen im Mutterleib - und Big Nig will die Miete...!!!“9
 

Sprecherin: ...L - Lady -  Lucy in the Sky with Diamonds - Wedding Bells - Schneewitchen - Animal - Squirrels - Schwarze Katze-  Garfield - Hawk - Drache - Purple Haze...

MUSIK: aus „PURPLE HAZE" von JIMI HENDRIX
(Textzeile: „Purple Haze all in my Brain / make the Things don’t be the same / Acting funny, I don’t know why / Excuse me while I kiss the Sky“!)
 

Sprecher 1: Bald war die Welt eingeteilt in „Acid-Heads“ und „No-Heads“. Die „Heads“ hatte am Zaubertrank genippt, die „Pforten der Wahrnehmung“ durchschritten, und ließen all die anderen, die nichteingeweihten Spießer, Lichtjahre hinter sich zurück, in ihren weißumzäunten Reihenhäusern hockend, zusammen mit den „Waltons“, mit „Lassie“ und „Fury“ und der Schuld am Desaster in Vietnam.
 

MUSIK: (im Hintergrund eine weitere instrumentale Passage aus „DARK STAR“)

Sprecher 2: Und zu einer veritablen Erleuchtung gehört selbstredend immer auch eine angemessene Beleuchtung - und wieder lieferte die Wissenschaft ein hübsches neues Spielzeug:

ZITAT: „Kesey schaut auf den Stroboskop-Strudel hinaus - die Tanzenden... in ecstasis! ...Die Heads entdeckten bald, daß Stroboskope einen in viele der Empfindungen, die man bei einer LSD-Erfahrung hatte, versetzen konnten, ohne daß man LSD nahm!“10

Sprecher 1: Die Gepflogenheiten der Popwelt änderten sich schlagartig. Hatten die Konzerte der Beatles kaum eine halbe Stunde gedauert...
Sprecher 2: ... für einen LSD-Trip natürlich viel zu kurz...
Sprecher 1: ...so hatten die Auftritte der „Doors“, von „Jefferson Airplane“ oder der „Quicksilver Messengers“ das zeitliche Format von Wagner-Opern und endeten meist erst im Morgengrauen.

ZITAT: „Die Dead spielten eine Nummer 5 Minuten und die nächste 25. Wer schaute schon auf die Uhr? Wer konnte schon auf die Uhr schauen, wenn die Weltgeschichte in Scheiben geschnitten vor einem liegt?“ 11

Sprecher 1: Doch so euphorisch der Auftakt in eine neue Epoche auch war, einigen wurde so langsam ein wenig schummrig und bei manchem wuchs in wachen Augenblicken der Zweifel. Das LSD schien dem Acid-Head nicht immer nur die reine Wahrheit über die Welt, das Universum und den ganzen Rest zu offenbaren, sondern konnte ein Hirn, je nach psychischer Ausstattung, wie gesagt, durchaus auch „zu Pommes grillen“!

Sprecher 2: Wolfe schildert eine Szene, in der ausgerechnet Owsley, der legendäre Stofflieferant der Kesey-Clique, nach einem Acid-Test in Panik geriet:

ZITAT: „Der Säure-König... tastete sich durch die blaue Blutergußdämmerung mit Augen wie Katastrophenkater und zischte ‘Überleben!’... LSD in einer so großen Gruppe zu nehmen wie hier bringe zu viele Amokenergien (zum Ausbruch)... (Außerdem sei es ja) sein Acid, und (so sagte) er: ‘Das ist das Ende, (Schluß) aus’!“ 12
 

Sprecher 1: Doch nicht nur solche Horrortrips, die berechtigte Angst vor den Geistern, die man gerufen hatte und der Zweifel an den großen Prophezeiungen sorgten für die erste Katerstimmung. Auch von einer ganz anderen Seite fiel ein immer größer werdender Schatten: der schnöde Mammon!
„Big Nig“ blieb nicht der einzige, der aus finanziellen Erwägungen die Party störte. Vor allem der Erfolg der Musik rief Geschäftemacher auf den Plan.

ZITAT: „Bill Graham, der Impresario... ‘Ich habe ihn gerade auf dem Parkplatz getroffen... Er checkt die Reifenprofile nach festgefahrenen Groschen ab!’... (Der) mischte auch kräftig mit und hatte im Fillmore Auditorium eine Trips-Festival-Szene laufen... Er übernahm genau die Form, wie man sie für die Acid-Tests geschaffen hatte. ...mit all dem Multimedia-Zeugs und den irren intergalaktischen Amöben-Lichtspielen!“ 13

Sprecher 1: Die Blumenkinder feierten dennoch weiter - in Ashbury-Haights und anderswo -  und nebenan in den Seminaren der University of Berkley schmiedete man erste Pläne für die Weltrevolution.

Sprecher 2:  Ende der 60er Jahre schließlich reichte die Psychedelic-Szene von Frisco bis Elmshorn - wo ein angehender Realschullehrer (und späterer „Pardon“-Kolumnist) mit Namen Wolfgang Sieg einen Roman schrieb, den er „Säurekopf“ nannte.

Sprecherin: ...Delysid - Abstraktum - Big D -  Blue Cheer - Blaue Träne - Barrels - Cubes - Lump Sugar...

SIEG:  "Am 22.10.1967, um 9:20 Uhr, brachte mir mein Freund, der Chemiestudent im 12.Semester
(Universität Hamburg) Dieter K., einen mit LSD getränkten Zuckerwürfel. K. versicherte mir, es sei völlig gefahrlos... und sagte wörtlich: 'Die Fachleute meinen sogar, LSD verschaffe eine Bewußtseinserweiterung'. Ich wollte wissen, was unter Bewußtseinserweiterung zu verstehen sei... und
aß den Würfel... Dann nahm ich mir einen Stapel Papier, einen Kugelschreiber und begann sofort, alles, was mir einfiel, schriftlich zu fixieren. Ich schrieb ununterbrochen 4 Tage und 4 Nächte lang. Die
Aufzeichnungen sind dieses Buch"! 14

MUSIK: aus WITTHÜSER & WESTRUPP „NIMM EINEN JOINT, MEIN FREUND“
(daraus die 2.(!) Strophe mit den Textzeilen: „If you take LSD in your Tea / are you lucky wie noch nie / but if you have too viel in your Tea / you will feel it in your Knee!“)

SIEG: „’Säurekopf’ erschien 1968 im Verlag Helmut Kossodo, Genf. Kossodo übersetzte und verlegte in dieser Zeit auch John Lennon („In seiner eigenen Schreibe“) und M.A.Asturias, den ‘magischen Realisten’ aus Südamerika. In meinem Roman ist LSD mehr als das Halluzinogen. Es ist eine Metapher für die Kraft des Zersetzens, des Durcheinanderwirbelns, des Unterwühlens, ja, des Umstürzens. Träume dringen in die Wirklichkeit ein, und die Realität verschafft sich Zugang zu den Traum-Kammern. Grenzbarrieren lösen sich auf, Mauern stürzen ein. Es gab ja so viele Fassaden, ganze Potemkinsche Metropolen, die zu unterminieren waren. Ein Symbol für diese ‘Arbeiter im Untergrund’ sind die Zwerge, die tagsüber harmlos in ausgeräumten Gärten herumstehen, aber nachts die Stützen der Gesellschaft ansägen oder mit Säure-Gaben mürbe machen. Dem Kleinfamilien-Käfig gehen sie ans Gitter. Der Religion ebenfalls: Sie zeigen einen Film, in dem die Heilige Familie und das ganze übrige himmliche Personal in einer Art ‘Big Brother-Container’ sitzen, wobei der Big Brother selbst mit eingesperrt ist. Die Scheu vor der verdrängten Vergangenheit, in deren Trümmer-Wüste der Dämon Hitler herrscht, fegen sie beiseite: Der ‘Führer’ wird zu einem durchfallgeplagten Klo-Sucher, der sich mit einem zerschnittenen ‘Völkischen Beobachter’ den Hintern auswischen muß. Daß man sich in neobiedermeierlichen Wohnstuben schick einrichtet, daß man seine Kinder nach ‘klaren Richtlinien’ erzieht, verhaltensauffällige aber in Geschlossenen Heimen einkerkert, daß man psychisch Kranke am liebsten in die nächste Müllverbrennungsanlage gekippt hätte, all diese Dinge, dazu das gesamte Erziehungssystem, in dem noch immer die Schwarze Pädagogik ihre Peitsche schwingt, werden in ein rieseiges Weckglas gefüllt und mit einer LSD-Lösung übergossen. Und den neuen Gurus, die uns wieder auf Esoterik und Irrationalismus einschwören wollen, werden die falschen Bärte abgerissen. LSD ist teils ein Abkömmling des Lachgases, teils eine Art VIAGRA für den Geist. Fritz Teufels Begriff der ‘Spaßgerilja’ wäre ein passendes Etiett für den ‘Säurekopf’!“

MUSIK: eine instrumentale Passage aus „DARK STAR“
 

Sprecherin: ...Pentagons - Peace - Big Chief - Instant Zen - Ying-Yang - Sacrament - Pure Love - Planet - Heaven!

Sprecher 1: Lysergsäurediethylamid und World-Wide-Web!
Sprecher 2: Das Internet war ein genuiner Hippie-Traum!
„Apple“-Gründer Steve Jobs, der Vater des Personal-Computers, war bekennender Batik-Träger - und auch als Bill Gates und sein Kompagnon Paul Allen in einem billigen Motelzimmer den folgenreichen „Microsoft“-Plan ausarbeiteten, lief auf dem Plattenteller rund um die Uhr Acid-Rock.
Und, nicht zu vergessen, John Perry Barlow, der wortreichste Philosoph des Cyberspace, stand einst als Songschreiber in Diensten der „Grateful Dead“.
Sprecher 1: Das Versprechen der schönen neuen Welt der Digitalität entspricht in vielem den Idealen aus der Perry Lane. Fun und ästhetisches Spektakel, ein universelles Gemeinschaftsgefühl in McLuhan’s „Global Village“, die Gewißheit, avantgarde zu sein und einem Stamm von Eingeweihten anzugehören.
Vieles davon klingt bekannt. Außerdem sehnte sich die Subkultur (aus leidvoller Erfahrung) schon immer nach einem Medium, das jeder Zensur und jeder staatlichen Einmischung trotzt.
Und ein Rest von Hippie-Anarchie spukt heute noch durch das Netzwerk und widersetzt sich (NOCH!) der völligen Kommerzialisierung der Cyberwelten.
Sprecher 2: Bewußtseinserweiterung durch Vernetzung! WWW.Leary.com! Unser Drogen-Papst träumte seinen Traum weiter bis ganz zuletzt. LSD ersetzte er in seinen späteren Manifesten durch WWW. Er wurde zu einem wahren Internet-Enthusiasten, der selbst sein absehbares Ende noch online übertragen wollte. Allerdings schalteten seine Angehörigen die Webcam auf seiner Homepage einige Tage vor seinem Krebstod ab - ehe sie, wie er es sich gewünscht hatte, seine Asche (zusammen mit der Urne des „Star-Trek“-Erfinders Gene Roddenberry) an Bord einer Rakete in den erdnahen Orbit schossen, wo er bald schon als eine Sternschnuppe verglühen wird: „Dark Star!“

MUSIK: Fortsetzung „DARK STAR“

(In die Musik hinein):
Sprecher 1: Bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt, einer Apple-Computer-Videokonferenz während eines Filmfestivals, verabschiedete sich Timothy Leary mit den Worten:
ZITAT: „High and Bye-Bye!“
 
 

ZITATE:
1.  ALBERT HOFMANN „LSD - MEIN SORGENKIND“ (dtv-Verlag / München 1993)
2.  TOM WOLFE „UNTER STROM - THE ELECTRIC KOOL-AID ACID TEST“ (Eichborn Verlag / 1987)
      (S.53 + 55)
3.  ebd. S.62f
4.  ebd. S.121ff
5.  ebd. S.258
6.  ebd. S.258f
7.  ebd. S.262
8.  ebd. S.265
9.  ebd. S.267f
10.  ebd. S.270ff
11.  ebd. S.274f
12.  ebd. S.275f
13.  ebd. S.430f
14.  WOLFGANG SIEG „SÄUREKOPF“ (Kossodo-Verlag / Genf-1968)

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„SWR 2 vor Mitternacht"
vom   18.10.01

REGGAE: DER KAISER VON ÄTHIOPIEN, DER FUSSBALL UND DIE SKINHEADS
                                             (von Lutz Neitzert)
 

MUSIK: die ersten Takte aus „MADNESS" / THE SELECTER & PRINCE BUSTER
               (Text: „Madness, Madness, they call it Madness...!")

BIBEL-ZITAT: „Und der König Salomo gab der Königin von Saba alles, was sie wünschte und erbat... Dann kehrte sie um und zog zurück in ihr Land samt all ihren Knechten!"
(1.Buch der Könige / Kapitel 10 / Vers 13)

MUSIK:  aus dem letzten Duett („Salomo & Königin von Saba")
              des HÄNDEL-Oratoriums „SALOMO“

SPRECHER 1: Ob sie nun, oder ob nicht?
Die Quellen schweigen - doch ein inbrünstiges Duett wie das aus Händel's Oratorium "Salomo" oder das dem biblischen König selbst zugeschriebene "Hohelied der Liebe"...
SPRECHER 2: ...das schon so manchen Interpreten der Heiligen Schrift in unkeusche Verwirrung gestürzt haben mag...
BIBEL-ZITAT: „...Deine Liebe ist lieblicher als Wein. Köstlich riechen Deine Salben...“
SPRECHER 1: ...dazu die zahllosen Mythen, Legenden und Hollywood-Verfilmungen legen die Vermutung immerhin nahe, daß da etwas gewesen sein könnte zwischen diesen beiden. Und im äthiopischen Herrscherhaus, da war man sich immer schon ganz sicher, daß der Seitensprung nicht nur stattgefunden hat, sondern daß man selbst dieser alttestamentarischen Liaison entsprungen ist - als der "verlorene Stamm Israels":

MUSIK: aus "ISRAELITES“ / DESMOND DEKKER
(in die Musik hinein) SPRECHER 2: Ausgerechnet zu diesem Song übrigens tanzten und soffen Ende der 60er Jahre in England die ersten Skinheads - aber davon später !

SPRECHER 1: Haile Selassie sah sich als der 225ste einer Reihe regierender Nachfahren der Königin Bilqis von Saba. 1930 zum Kaiser gekrönt, trug er als Negus von Äthiopien den ehrfurchtgebietenden Herrschaftstitel „Seine kaiserliche Majestät, König der Könige, siegreicher Löwe des Stammes Juda und Gottes Auserwählter "!

(MUSIK: im Hintergrund kurz „Hubschrauberlärm")

SPRECHER 1: Am 21. April 1966, kam der Kaiser auf Staatsvisite nach Jamaika...
SPRECHER 2: ...und war aufs Äußerste verblüfft.
SPRECHER 1: Man bejubelte ihn frenetisch - ihn, der als machtbesessener Potentat ansonsten eher selten auf Gegenliebe stieß.
SPRECHER 2: Unter den 100.000 Menschen, die ihn am Flughafen in Empfang nahmen, befanden sich Tausende singender, tanzender und Haschisch rauchender Rastafari.
SPRECHER 1: Ein Biograph Bob Marley's beschrieb die Szene:
ZITAT: „Nach der Landung blieb Selassie eine halbe Stunde, verängstigt vor diesem unerwartet überschwenglichen Empfang, in der Maschine sitzen. Erst als der Rasta-Führer Mortimo Planno die Versammelten ein wenig beruhigt hatte, wagte sich der Kaiser schließlich die Gangway hinunter!" 1

MUSIK: noch einmal kurz „MADNESS" / THE SELECTER & PRINCE BUSTER

SPRECHER 2: Was also war da los an jenem Frühlingstag in Kingston?
SPRECHER 1: Unter den Afroamerikanern der Neuen Welt hatten sich seit Beginn des
20. Jahrhunderts diverse „Back to Africa"-Bewegungen gegründet - und eine davon berief sich auf die äthiopische Dynastie.
Ihre Anhänger benannten sich nach Haile Selassie's bürgerlichem Namen,
RAS-TAFARI Makonnen, dessen Inthronisierung man zudem als die Erfüllung einer biblischen Verheißung deutete.
Der Wortführer Marcus Garvey hatte seinen Anhängern prophezeit:
ZITAT: „Schaut nach Afrika, wenn ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann ist der Tag der Erlösung nahe!" 2
SPRECHER 1: Als Zeichen ließ man sich - in Anlehnung an seinen Ehrentitel „Löwe von Juda" - lockige Mähnen wachsen und kleidete sich zudem in den äthiopischen Nationalfarben Rot, Gelb und Grün.
SPRECHER 2: Und nun hatte der unverhoffte Messias also ein ernstes Problem.
Selassie hatte nämlich nach Ende des 2. Weltkriegs all jenen Ländereien in seinem Kaiserreich versprochen, die ihn im Kampf gegen Mussolini's Faschisten unterstützt hatten. Spekuliert hatte er dabei allerdings vor allem auf die Zuwanderung von westlichen Wissenschaftlern, Ärzten und Ingenieuren - aber nun stand ante portas ein penetrant gutgelauntes Häuflein kiffender und Reggae spielender Dreadlocks (mit kunstvoll geflochtenen Zöpfchen).
Geistesgegenwärtig und mit einigem diplomatischen Geschick gelang es ihm zuletzt dann aber doch noch, diese von einer allzu überstürzten Auswanderung ins gelobte Land „Zion“ abzuhalten. Er gab ihnen statt dessen (in seiner Funktion als religiöses Oberhaupt) den Auftrag, doch zuerst einmal Jamaika vom Joch des Kapitalismus und der Herrschaft der Weißen zu befreien:
ZITAT: „Liberation before Emigration!" / Erst Befreiung - dann Auswanderung!
SPRECHER 2: ...das sollte die neue Losung sein.
Die Anhängerschaft stimmte zu und beschloß, der ergangenen Anweisung dann auch sogleich Folge zu leisten.

MUSIK: aus „RIVERS OF BABYLON" / MELODIANS
(in die Musik hinein) BIBEL-ZITAT: „An den Strömen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten!"     (Psalm 137 / Vers 1)

SPRECHER 1: Bis dahin hatten die jamaikanischen Rastafari sich ganz bewußt aus dem politischen Leben „Babylons", des verhaßten Regimes, das die Reggae-Szene stets mit Argusaugen kontrollierte und sie mit Sanktionen drangsalierte, herausgehalten - und nun überlegte man angestrengt, welche Forderungen denn an den Staat gestellt werden könnten, die zugleich Ausdruck ihrer Weltanschauung sein sollten.

SPRECHER 2: Zunächst in weitgehend autonomen Gemeinschaften, geleitet von charismatischen Figuren alttestamentarischen Zuschnitts wie Marcus Garvey oder Leonard Howell, entwickelten die Rastafarians aus Versatzstücken eigenwilliger Bibelinterpretationen und einer grundsätzlichen Protesthaltung gegenüber dem „American Way of Life" und dem „Rat-Race", dem hektischen „Rattenrennen" in den Mühlen des Mammon und auf den Karriereleitern der Geschäftswelt, einen höchst eigentümlichen Lebensstil. Und so verquer manche ihrer Ideen auch sind, und so undurchsichtig und schlitzohrig manche ihrer Führer, das Credo des Rasta ist in all seinen Ausdrucksformen geprägt von Friedfertigkeit und Lebenslust.

SPRECHER 1: Wie in jeder religiösen Glaubensgemeinschaft, so gab es auch hier eine ganze Reihe  - mehr oder weniger strikt befolgter - Nahrungsge- und -verbote:

ZITAT: "Ital Food"
SPRECHER 1: ...eine der menschlichen Natur gemäße und ihm von Gott zugewiesene Mahlzeit enthalte weder Schweinefleisch noch irgendwelche Milchprodukte, verspeist werden dürfen des weiteren keine Schalentiere, keine schuppenlosen - oder räuberischen Fische, keine Aas- oder Allesfresser, auch soll man kein Salz verwenden und nur mit Kräutern würzen, tabu sind außerdem alle Konservierungsstoffe und -methoden...
SPRECHER 2: ...Dosenkost ist „beerdigte Nahrung“...
SPRECHER 1: ...Der glaubensfeste Rasta konsumiert zudem weder Tabak noch Kaffee und eigentlich, ja eigentlich, sollte er auch auf alkoholische Getränke verzichten.
Als einziges gottgefälliges und wohlfeiles Genuß- und rituelles Rauschmittel sei ihm ein ganz besonderes Kraut erlaubt:
SPRECHER 2: Cannabis Sativa - Haschisch!
SPRECHER 1: Habe man doch sicher überlieferte Kenntnis davon, daß Marihuana bereits auf König Salomo’s Grab gesprossen sei.

ZITAT: „Unerläßlicher Bestandteil eines Gesprächs mit Bob Marley sind einige Spliffs..." 3
SPRECHER 2: ...Joints...
ZITAT: „...die um so kleiner werden, je weiter man sich von Jamaika entfernt (bis sie in Köln dann) das übliche Euroformat erreicht haben!"
SPRECHER: So berichtet es ein Journalist, der den Musiker einmal auf Deutschlandtournee begleitete.

SPRECHER 1: Als die Reggaemusik und ihre Interpreten in den 70er Jahren weltweit populär wurden, stellte man schnell fest, daß deren Weltanschauung in vielem mit den Zielen der gerade entstehenden Ökologiebewegung übereinstimmten. Von der bevorzugten Pflanzenkost bis hin zum vehementen Protest gegen die Atomkraft, in der man geradezu ein Symbol sah für die zerstörerischen Mächte des menschenverachtenden „babylonischen“ Systems.

MUSIK: "GET UP STAND UP" / BOB MARLEY
(in die Musik hinein) SPRECHER 2: Auch wenn sich viele Liedtexte reichlich martialisch anhören mögen und trotz der Entschiedenheit in seinen Feindbildern, legt ein Rastafari allergrößten Wert auf sein Bekenntnis zu Gewaltfreiheit und Pazifismus - auch in allen Formen seines Protestes.
 

SPRECHER 1: Vor allem in "Trenchtown", im Armenviertel der Karibikmetropole Kingston, entwickelte sich eine eigenständige Rasta-Subkultur - und dort stand auch die Wiege des Reggae.
Und wie in anderen Ghettos, so kreierten auch hier die Jugendlichen ihren einen Slang, eine höchst skurrile Sprache, die bis heute die Unterhaltung mit einem Rasta-Boy schnell in eine Odyssee (ohne Aussicht auf ein klares Wort) verwandeln kann.
 

SPRECHER 2: Buchstaben werden lautmalerisch verdreht und grammatikalische Regeln hemmen ja doch bloß die Freiheit des individuellen Ausdrucks.
 

SPRECHER 1:   (Politik) - Politics   - Polytricks   /
                           (Politiker) - Politicians  -  Polytricksters !

ZITAT: „Die Rastafaris verwenden... die Worte me und you und he und she (Ich-Du-Er-Sie-Es) nicht. Es gibt nur die erste Person, da alle Rastas gleich und ein Teil Gottes sind. Niemand (soll) zurückgesetzt werden, auch nicht durch die Sprache. Ich heißt I and I, Ich und Gott, und auch das Gegenüber ist ein Teil Gottes, ein Teil von mir und deshalb auch I and I... I and I kann sogar ein Weißer sein, vorausgesetzt, die Vibrations stimmen"! 4

SPRECHER 2: Außerdem gehe es in einem guten Gespräch ja gar nicht eigentlich um „Understanding", um so etwas Profanes wie das bloße Verstehen von Worten, sondern vielmehr in einem spirituelleren Sinne um „Overstanding" - um „Irie“, um das Erzeugen von „guten Schwingungen“ im menschlichen Miteinander. Auch wenn darüber der Sinn einer Rede gelegentlich im Dunkeln bleibt.

MUSIK: noch einmal ganz kurz: „MADNESS"

SPRECHER 1: Aber nun noch einmal zurück in das folgenschwere Jahr 1966. Welche politische Forderung also sollte man der Obrigkeit als allererstes stellen?
SPRECHER 2: Man diskutierte kurz, wurde schnell einig und bastelte auch schon die ersten Transparente mit der Aufschrift:
ZITAT: „Legalize Ganja!"
SPRECHER 1: Legalisiert Marihuana!

MUSIK: aus "I SHOT THE SHERIFF" / BOB MARLEY

SPRECHER 2: In Bob Marley's Klassiker „I shot the Sheriff" wird ein sadistischer Polizeibeamter namens John Brown deswegen erschossen, weil sein Arm des Gesetzes die Hanfbeete des Angeklagten jedes Mal kurz vor der Ernte hämisch grinsend zu konfiszieren pflegte.
ZITAT: „...but I swear it was in self defense!“ / „Ich schwöre, es war Notwehr!“

BIBEL-ZITAT: "Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut... Und Gott sah, das es gut war!"
   (1.Buch Moses / Kapitel 1 / Vers 12)
 

MUSIK: "LEGALIZE IT" / PETER TOSH
 

BIBEL-ZITAT: "Dampf ging auf von seiner Nase...!"  (Psalm 18 / Vers 9)

SPRECHER 1:  Zum „Reasoning“, ihrer ganz speziellen Form des Gottesdienstes, gehört unverzichtbar das nächtliche Ganja-Rauchen. Man sitzt zusammen, rezitiert aus der Bibel...
SPRECHER 2:  ... wobei man allerdings deren überlieferte Fassung als eine weiße Verfälschung des heiligen Urtextes betrachtet, die aus Rasta-Sicht immer wieder neu ausgelegt werden muß...
SPRECHER 1: ...und dabei räsonniert und diskutiert man (in dicken Schwaden) über Gott und die Welt - bis dann die Morgensonne den grellen Schein „Babylons“ zurückbringt.
 
 

MUSIK: „MY BOY LOLLIPOP" / MILLIE SMALL

SPRECHER 2: Als 1964 eine Sängerin namens Millie Small mit dem Liedchen "My Boy Lollipop" in den internationalen Hitparaden auftauchte, hörte ein großes Publikum zum ersten Mal die neuen Rhythmen jamaikanischer Popmusik.
 

SPRECHER 1: In Rasta-Kreisen spielte die Musik immer schon eine wichtige Rolle und Rastafarians waren es auch, die der Insel einen eigenständigen musikalischen Ausdruck gegeben haben.
In ihren Gottesdiensten beschränkten sie sich zwar lange auf tradierte afrikanische Trommelrhythmen. Doch seit den 50er Jahren verstärkte sich auch hier der Einfluß schwarzer US-amerikanischer Klänge auf die junge Generation.

MUSIK:  aus „RETURN OF DJANGO“ / THE UPSETTERS

SPRECHER 1: So entstand eine Vermischung von Rhythm & Blues mit karibischen Rhythmen: der „Ska“ oder „Bluebeat“.

SPRECHER 2: Verbreitet wurde diese Musik dann vor allem durch eine ganz spezielle jamaikanische Erfindung: die „Sound-Systems“!

SPRECHER 1: Diskjockeys beschafften sich klapprige Lastwagen, auf deren Ladeflächen sie Plattenspieler und möglichst große Lautsprecher montierten, und mit denen sie danach durch die Lande zogen, um Party zu machen. Begegneten sich dann einmal zwei dieser "Sound-System-Men", so endete das zumeist in wahren Dezibel-Orgien - im Versuch des einen den anderen zu übertönen.

SPRECHER 2: Während eines extrem heißen Sommers, im Jahre 1966, soll es gewesen sein, daß ein neuer Stil entstand: „Rocksteady“, die Vorform des „Reggae“.
SPRECHER 1: Bei über 40°C hätten die Bläser damals ihren Dienst quittiert und sich ein schattiges Plätzchen gesucht  - zurück blieben Kapellen mit Gitarre, Baß und Schlagzeug - und auch die schonten ihre Kräfte und die des tanzenden Publikums durch langsamere Tempi. So entstand schließlich, sagt man, der entspannte, lässige Reggae-Rhythmus:

MUSIK: „NO WOMAN NO CRY“ / BOB MARLEY
 

SPRECHER 1: Neben der Musik hat der echte Reggae-Jünger noch eine andere große Leidenschaft.

SPRECHER 2: Für jede Lebenslage, zu jeder Weisheit und jedem Laster hat ein Rastafari stets einen passenden Bibelvers parat - nur was ein Spiel anbetrifft, das man geradezu kultisch zelebriert, scheint man bislang im Buch der Bücher noch keinen treffenden Spruch entdeckt zu haben.

SPRECHER 1: Sein Denkmal in Kingston zeigt Bob Marley mit einer Gitarre im Arm und unter dem Fuß einen Fußball.

SPRECHER 2: Überall wo jamaikanische Dreadlocks auftauchen, wird gekickt. Allerdings ähnelt ihre Version des Spiels eher einer virtuosen Art von Happening und ein deutscher Stehplatzkurven-Fan (auf Schalke) mag zu Recht den entschlossenen Willen zum Sieg dabei vermissen.

ZITAT: „’Hitler, Müller, Beckenbauer!’ lautete Bob Marley’s Antwort auf die erste Frage, die ich ihm stellte, als ich ihn auf heimischem Boden zum Interview traf...“ 5
SPRECHER 1: ...berichtet der Musikjournalist Teja Schwaner...
ZITAT: „... Was er von Deutschland wisse, hatte ich ihn gefragt. Rasta-Fußball, die angetörntesten Abgaben, die man je gesehen hat. Ein halbes Stündchen konnte ich mitmachen, dann mußte ich erschöpft aufgeben... Je länger es geht, desto seltener berührt der Ball den Boden. Und sie spielten, entgeistert und doch bewundernd betrachtet von Herren in Smoking und Damen in weißen Nerzen - im Schloßhotel wurde nämlich Hochzeit gefeiert, und in Grüppchen trat die Ludwigsburger Society auf die Terrasse, um das exotische Schauspiel zu betrachten. Sie wunderten sich, daß man beim Spiel rauchte - gut, daß sie nicht wußten, was dort geraucht wurde...“ 5
SPRECHER 1: ...und anderntags ging es weiter:
ZITAT: „Am Fernsehturm wird mit einer Altherrenmannschaft Fußball gespielt... Seeco, der Perkussion-Mann, der aussieht wie ein schwarzer Clochard, zahnlos und aus einer anderen Welt, umdribbelt den 67-jährigen Außenverteidiger der Altherrenkicker und schlenzt den Ball mit der Hacke an den Innenpfosten. Tor! Wieder haben sich die Rastas staunende Freunde gemacht!“ 5

SPRECHER 1: Übrigens war Skill Cole, ein ständiger Begleiter Marley’s, immerhin ehemaliger jamaikanischer Nationalspieler.

ZITAT: „Nicht-Rastas würden diese Exerzitien ‘Fußball’ nennen, aber damit sehen sie nur den alleräußersten Aspekt der Sache, und jeder gute Jamaikaner kann zu Fußball stundenlang psalmischen Tiefgang reden. Wir, pardon: Ich und Ich beweisen ja unser Unverständnis schon durch unser Staunen über die Tatsache, daß Menschen pausenlos so viel Hanf rauchen und dann noch Fußball spielen können, ohne aus der Puste zu geraten!“6
SPRECHER 2: schreibt Georg Behr in seinem „Hanfbuch“.

SPRECHER 1: Auf tragische Weise ist auch Bob Marley’s Tod mit dem Fußball verbunden. Im Mai1977 verletzte er sich in Paris beim Spiel gegen eine französische Journalistenauswahl am Zeh. Die Wunde heilte nicht mehr und bald stand die Diagnose fest: er hatte Krebs. Eine Amputation, die ihn vielleicht noch hätte retten können, verbot sein Rasta-Glaube. So begab er sich schließlich in die Klinik eines umstrittenen Wunderheilers in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er auch seine letzte Geburtstagsfeier erleben sollte. Zusammen mit einigen Freunden schaute er sich eine Fernsehdokumentation über das Leben seines zweiten Hausgottes an: Edson Arantes do Nascimento - des großen Spielmachers des lateinamerikanischen Fußballs - besser bekannt unter seinem Künstlernamen: Pelé!

SPRECHER 2: Heute ist Reggae in Jamaika...
SPRECHER 1: ...und übrigens auch überall in Afrika...
SPRECHER 2: ...DIE Musik der Fußballfans.
Und als es ihrer Mannschaft 1998 zum ersten Mal gelungen ist, sich für ein Weltmeisterschaftsturnier zu qualifizieren, da war es natürlich selbstverständlich, daß die Größen dieser Musik, darunter Bob's Sohn Ziggy Marley, den offiziellen Teamsong, die Hymne der Mannschaft, einspielten:

MUSIK: "RISE UP" / ZIGGY MARLEY u.a.
 
 

SPRECHER 1: Ende der 60er Jahre sind es in England ausgerechnet die (damals noch alles andere als rassistisch gesinnten) Skinheads gewesen, welche Reggae und Ska als Tanz- und Saufmusik über die Grenzen Jamaikas hinaus populär gemacht haben.

MUSIK: Anfang des "SKINHEAD MOONSTOMP" / SYMARIP

SPRECHER 1: Die erste Skinhead-Hymne, die wir soeben hörten...
SPRECHER 2: ...der „Skinhead Moonstomp“...
SPRECHER 1: ...stammte von einer Band namens „Symarip“, die immer wieder betonte:
ZITAT: „Unsere Musik beruft sich auf musikalische Stilrichtungen von Schwarzen auf der ganzen Welt!“7
SPRECHER 2: Und der Rechtsextremismusforscher Klaus Farin meinte einmal:
ZITAT: „Es (macht) uns auf Vortragsreisen immer wieder Spaß, ‘Nazi-Skins’ zu erklären, daß ihre Lieblingsband ‘The Specials’ oder Laurel Aitken Schwarze sind!“ 8

SPRECHER 1: Als die Skinbewegung entstanden ist, da steckte unter den Glatzen alles Mögliche, aber keine Vorurteile Nicht-Weißen gegenüber. Die damaligen Feinde der Szene waren die alt gewordenen Hippies und deren Musik.
SPRECHER 2: Verhaßt waren ihnen, die sich als Vertreter der Arbeiterklasse sahen, in erster Linie die pompösen Rockspektakel von Intellektuellen-Bands wie „Pink Floyd“ oder „Genesis“.
SPRECHER 1: Und da kamen die neuen frisch-fröhlichen Rhythmen aus Jamaika gerade recht. Endlich hatte man wieder eine schlichte (von der Musikindustrie noch nicht korrumpierte und den Älteren und den Eltern unbekannte) Partymusik zum Selbermachen.
SPRECHER 2: So war es selbstverständlich, daß zu den Cliquen der englischen Urskins auch die Importeure dieser Musik gehörten - junge Einwanderer aus der Karibik, die damals zahlreich nach London kamen.
SPRECHER 1: Selbst das Outfit der Skins (bis hin zum schmucken Kurzhaarschnitt) kopierte man übrigens von einem Vorbild aus Übersee. In Kingston gab es damals Jugendgangs, die sich Rude-Boys nannten, und die den Skinheads mächtig imponiert haben müssen. So sehr, daß man deren Kleidung (aufgekrempelte Jeans mit breiten Hosenträgern und darüber großkarierte Hemden) übernommen hat.

SPRECHER 2: Erst Ende der 70er Jahre geriet ein großer Teil der Skinszene dann fatalerweise in den Dunstkreis faschistischer Politik. Die Folgen erleben wir gerade!

SPRECHER 1: Eine bittere Ironie der Geschichte!

MUSIK: Ende des "SKINHEAD MOONSTOMP" / SYMARIP

SPRECHER 1:  Reggae wurde überall auf der Welt zum Inbegriff karibischer Kultur und Lebensart.
SPRECHER 2: Auf der anderen Seite zeigte sich, daß das gelobte Land Äthiopien in Wirklichkeit kaum Züge eines ersehnten Paradieses hatte und viel eher einer veritablen Hölle ähnlich sah.
Spätestens 1978, als ein tief betroffener Bob Marley Ostafrika besuchte, dämmerte wohl den meisten, daß „Zion", der versprochene „Garten Eden", immer dort zu sein scheint, wo man selbst nicht ist, und andererseits „Babylon" immer jenes Jammertal, in dem man sich gerade befindet. Und fortan sprachen auch bekennende Rastafari (schockiert vom täglichen Blick in die Fernsehnachrichten) von Äthiopien nur noch im „metaphorischen“ Sinne.

MUSIK: den Schluß von„MADNESS" / THE SELECTER & PRINCE BUSTER
 
 

ZITATE:
1 TIMOTHY WHITE „BOB MARLEY“ (Heyne / München 1983) (S.29)
2    ebd. (S.19)
3  UDO VIETH / MICHAEL ZIMMERMANN „REGGAE“ (Fischer / Frankfurt 1981) (S.58)
4   ebd. (S.131f)
5  TEJA SCHWANER „BOB MARLEY - TOD IN BABYLON“
     (http://www.in.tu-clausthal.de/~wallner/marley/story_01.html
      1998© Copyright by Thomas.Wallner@tu-clausthal.de )
6  HANS-GEORG BEHR „VON HANF IST DIE REDE“  (2001 / Frankfurt 1995)
7  T.SCHWANER (s.o.)
8 KLAUS FARIN / EBERHARD SEIDEL-PIELEN „SKINHEADS“ (C.H. Beck / München 1993) (S.116)

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SWR-"Dschungel"
vom 8.3.01          "A BLACK CAT BONE AND A MOJO TOO"
VOODOO-KULT UND ROCKMUSIK
                                                            (von Dr.Lutz Neitzert)

MUSIK: aus MUDDY WATERS  „HOOCHIE COOCHIE MAN"
               (von der CD „Acoustic to Electric Blues" / Digital Deja 2 D2CD08)
              (daraus die zweite Strophe: „I got a Black Cat Bone / I got a Mojo too /
                                                           I got a John-the-Conquer-Root ... Hoochie Coochie Man")

SPRECHER 1: Der Voodoo-Priester, the Hoodoo Man, the Hoochie-Coochie Man,
                          the Gris-Gris Man, the Conjur Man, the Doctor.

SPRECHER 2: Die sachgerechte Herstellung eines „Black Cat Bone" ist eine ebenso aufwendige wie, nun ja, sicherlich auch etwas unappetitliche Angelegenheit: eine Katze (eine schwarze selbstredend) wird zu diesem ganz speziellen Zweck in mitternächtlicher Stunde zunächst bei lebendigem Leib gesotten und währenddessen von der anwesenden Gemeinde unter allerlei Spektakel verflucht...

ZITAT: „Okay, wenn Du diese ganze ‘Dr.John-Scene’ wirklich verstehen willst, dann mußt Du natürlich wissen, was Voodoo eigentlich bedeutet. In New Orleans - in der Religion, wie im Essen, bei den Rassen oder in der Musik - kannst Du nichts vom andern trennen.  Alles vermengt sich hier miteinander und wird Teil eines einzigen großen ‘fonky Gumbo’. Katholische Heilige mit Gris-Gris Geistern, evangelische Zeltmission mit schwarzem Spiritual-Gottesdienst. Es ist einfach wichtig, zu verstehen, daß Voodoo in New Orleans keine Religion ist unter anderen, sondern in erster Linie ein ganz besonderer ‘Way of Life’“! 1
 MUSIK: (im Hintergrund) „RYTHME SIMBI“   (CD „Musique du Vaudou"  / Buda Records
                                                       92731-2)

SPRECHER 1: Und gerade den Blues- und Rockmusikern gefielen, von den virtuosen Rhythmen angelockt, die sinistren Shows der Voodoo-Priester - mit ihren Fackelzügen, Tieropfern und Beschwörungsformeln. Von denen ließ sich auch für die eigene Bühnenperformance offensichtlich noch so manches lernen und außerdem war man in dieser schön schauerlichen Nische nun wirklich weit genug entfernt von jeder bürgerlichen Normalität - zusammen mit anderen bunten Vögeln und dem ein oder anderen toten Huhn.

SPRECHER 2: In seiner Lebensbeichte „Under a Hoodoo-Moon“ bekennt Dr.John, daß ihm außerdem schon so manches kräftige Zaubersprüchlein bei seinen Alltagsgeschäften von Nutzen gewesen sei. Neben seiner Musik hatte der große böse „Conjur Man“ des Rock in seinen wilden Jahren immer irgendein mehr oder weniger krummes Ding laufen...

ZITAT: „(Deshalb) benutzte ich meine Pülverchen und das andere Gris-Gris-Zeug nicht nur, um meine Feinde zu verfluchen, sondern gelegentlich auch um mir (- neben den Göttern -) die Polzei gewogen zu machen, auf daß sie mich bei meinem Business doch bitte in Ruhe lassen solle“! 1

MUSIK: (s.o. / ein paar Sekunden im Vordergrund)

SPRECHER 1: „Hear that long Snake moan“ nennt ein anderer intimer Kenner der Szene,  Michael Ventura, seine Geschichten über Voodoo und die amerikanische Musik:

ZITAT: „New Orleans war (Mitte des 19.Jahrhunderts) eine spanisch-französische Stadt mit einem großen Bevölkerungsanteil von 'free people of color'... (Es) war der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, wo es den Sklaven erlaubt war, sich 'zum Vergnügen', wie man es nannte, zu versammeln, und, was noch wichtiger gewesen ist, es war ihnen zudem nur hier gestattet, Trommeln zu spielen: deshalb war New Orleans der einzige Ort, wo es den (Afroamerikanern) ermöglicht wurde, ihre eigene Kultur zu leben (und weiter zu entwickeln)"! 2

SPRECHER 1: Nicht zufällig also entstand eben gerade dort der Jazz und nicht zufällig auch fand der Voodoo-Kult am Golf von Mexiko ein ideales Biotop - an legendenumwobenen Orten und Plätzen wie dem „Congo Square", im berüchtigten Rotlichtviertel „Storyville" und vor allem im Umfeld des „Mardi Gras", des alljährlichen großen Karnevals, zu dem auch Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson einst in „Easy Rider" ihre Harleys sattelten.
(MUSIK: eventuell ganz kurz die Titelzeile aus STEPPENWOLF „BORN TO BE WILD")

SPRECHER 2: ...wenn die Katze dann gar ist, wird sie ausgebeint - woraufhin ein besonders feinschmeckender Hoochie-Coochie Man die verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt, jeden einzelnen Knochen zu prüfen und zu verkosten...

SPRECHER 1: Die berühmteste Voodoo Queen im New Orleans des 19.Jahrhunderts hieß MARIE LAVEAU:

ZITAT: „(Sie) war das, was wir früher eine Hexe genannt hätten... in Haiti hätte man sie (eine) Mambo genannt... Sie war eine freie Farbige... Es wird manchmal behauptet, daß (sie) sich ihre Königinnenwürde über die Leichen anderer Queens hinweg erkämpft hätte... (Berühmt waren ihre) prächtigen Zeremonien am Pontchartrain See und am Bayou St. John..., die sie (zuletzt) auch für weiße Zuschauer öffnete und zu denen sie sogar von Zeit zu Zeit die Presse einlud... "! 3

SPRECHER 1: Sie war eine unbestrittene Autorität, ebenso gefürchtet wie verehrt, mit großem Einfluß auf das städtische Leben in „Big Easy“ und auf die Politik. Ihre Macht schrieb man dabei wohlweislich ihren vermeintlichen Hexenkräften zu. Dabei lag eine weit profanere Erklärung in ihrem Fall eigentlich recht nahe: zwei Berufe übte sie in ihrem bewegten Leben aus, und in beiden Metiers wird es ihr ein Leichtes gewesen sein, allerlei Intimes, Ehrenrühriges und Kompromittierendes über die Mitglieder der High-Society in Erfahrung zu bringen.
In einem der feinsten Frisiersalons hat sie gearbeitet und zudem betrieb sie lange Jahre ein florierendes Freudenhaus. So dürfte in vielen Fällen vermutlich eine Drohung mit Indiskretionen genügt haben, um sich einen Bürgermeister oder Polizeipräsidenten geneigt zu machen - anzunehmen, daß sich danach jeder weitere Hokuspokus von selbst erübrigte.
Nun gut, wie immer man es auch sehen will:
 MUSIK: (im Hintergrund)
„PAPA LOKO MALAD“
(CD „Musique du Vaudou"  / Buda Records
                                                        92731-2)
 

ZITAT: „Wenn man heute ihr Grab (auf dem St.Loius Cementary No.1) in der Nähe des Congo Square besucht...“ 4
SPRECHER 2: ...berichtet Michael Ventura...
ZITAT: „...(dann) findet man stets frische Opfergaben... neben gekreuzten Kreidestrichen, die gezeichnet worden sind, damit die Gebete bis zu Marie dringen. Am Anfang hielt ich das für eine den Tourismus fördernde Aktion der Friedhofswärter, bis ich selbst Menschen sah, die tatsächlich Plastikblumen niederlegten"! 4

SPRECHER 1: An einem trüben Regentag, irgendwann in den späten 60er Jahren, zur Hochzeit der „Flower-Power", soll ihr Geist dann auf einem Friedhof einem jungen Hippiemusiker erschienen sein - und so wurde aus Malcolm John Michael Creaux „Mac" Rebennack:
DOCTOR JOHN!

MUSIK: Anfang von DR.JOHN „GRIS-GRIS GUMBO YA-YA"
                                                    (CD „Gris-Gris" / RR 4130-WZ)
                                                                  (bis zur Textzeile: „...Hey, now, Gumbo yeah-yeah“!)

SPRECHER 2: „Gumbo" auf kreolische Art:
zunächst bereitet man eine Roux (auf Deutsch weniger poetisch: eine Mehlschwitze), diese
mit Hühnerbrühe ablöschen, halbierte Okraschoten (300 Gramm für vier Personen), dazu Krebsschwänze, Sellerie, Paprika, Knoblauch, Zwiebelwürfel und ein Lorbeerblatt - das Ganze dann im geschlossenen Topf bei kleiner Hitze eine Viertelstunde köcheln lassen, zuletzt noch mit einem kühnen Schuß Tabasco abschmecken und zu Reis servieren.
„Gumbo-Variations“ gibt es darüber hinaus offenbar so viele, wie es in den Südstaaten Köche gibt. Statt Krebsschwänzen darf es auch schon einmal ein leckerer Catfish (ein Katzenwels) sein oder ein Alligator aus dem nahen Sumpf. Bon Apetit!

SPRECHER 1: In New Orleans ist im Grunde alles ein einziges „Gumbo Ya-Ya", ein bunter Eintopf, aus afrikanischen, französischen, spanischen, englischen, irischen, mexikanischen und karibischen Zutaten - in der Küche ebenso wie in der Kirche und vor allem in der Musik: Delta-Blues und Boogie-Woogie, Spirituals und Gospels, Honky-Tonk- und Barrelhouse-Pianos, durch die Straßen marschierende Brassbands oder Steeldrum-Orchester, Cajun-Music und Zydeco, Swamp-Rock und schon an der nächsten Ecke Dixieland.

ZITAT: „Dr.John, the Night Tripper..., erster Hohepriester des Voodoo-Rock..., einen Goldreif im Ohr und mit magischen Federn, Katzenknochen und Schlangenhäuten geschmückt, mit geheimen und halbvergessenen Kultrhythmen aus den Bayou-Sümpfen, heidnischer Musikfolklore aus Haiti, verstümmelten Mardi-Gras-Karnevalsmärschen und dem alten New Orleans-Jazz aus der Preservation Hall...“! 5

MUSIK: (Fortsetzung „Gris-Gris...“)

SPRECHER 2: ...hat der diensthabende Conjur Man oder die Voodoo Queen dann schließlich nach etlichen Kostproben den bittersten der Katzenknochen herausgeschmeckt, so weiht man diesen zum „Black Cat Bone". Vor unbefugten Blicken verborgen, an intimen Körperstellen getragen oder sorgsam versteckt im heimischen Schmuckkästlein, soll er seinem Besitzer fortan Glück und Erfolg bescheren und all seinen Feinden Unbill und Siechtum...

SPRECHER 1: Auch in vielen Songtexten einschlägiger  Musiker wie „Creedence Clearwater Revival“, „Mink de Ville“, Professor Longhair, James Booker oder Coco Robicheaux wird immer wieder heftig und inbrünstig verflucht und verwünscht.

MUSIK: Anfang von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL  „I PUT A SPELL ON YOU"

ZITAT: "Wozu zelebriert man magische Rituale?...“

SPRECHER 1: ...so die (rhetorische) Frage im Prospekt eines Voodoo-Shops...

ZITAT: „...Ganz einfach: Man möchte... erreichen, daß Träume und Pläne in Erfüllung gehen, einen bestimmten Menschen verzaubern, drohendes Unheil abwehren, reich werden, im Lotto gewinnen, Erfolg haben usw. - kurzum, man möchte sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen und es nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen beeinflussen..."! 6

SPRECHER 1: Ganz obenan stehen natürlich seit eh und je die diversen Liebesflüche: der Rivalin die Krätze oder dem Nebenbuhler die Steuerfahndung an den Hals zu wünschen, aber auch dem Konkurrenten auf der beruflichen Karriereleiter aus sicherem Hinterhalt ein Bein stellen oder dem Widersacher im sportlichen Wettkampf - für alles weiß Voodoo den passenden Spruch:
So soll übrigens auch der brasilianische Fußballzauber der 60er Jahre nicht nur allein den Künsten eines Pelé, Garrincha oder Jairzinho zu verdanken gewesen sein, sondern auch einem kleinen, dicklichen undurchsichtigen Masseur mit Namen Americo, der vor jedem großen Spiel in den Katakomben des Maracanã-Stadions von Rio de Janeiro seinen Macumba-Altar zu errichten pflegte, um dort die Spieler der eigenen Mannschaft zur Höchstleistung zu beschwören und die des Gegners zur sicheren Niederlage zu verdammen.
Und unlängst ging die folgende Meldung durch die internationale Presse:

ZITAT:   "Ronaldo verhext!
Der brasilianische Star war bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich verhext. Und zwar von seinem Zimmerkollegen Roberto Carlos, der den Wunderstürmer im Schlaf mit dem Voodoo-Zauber 'Macumba' belegt hat. Das behauptet der englische Schriftsteller Wensley Clarkson in seinem Buch 'Ronaldinho - 21 Jahre Genialität'... Der listet in seinem Werk die angeblichen Voodoo-Praktiken des Brasilianers auf. So soll Carlos den schlafenden Ronaldo mit Zaubersprüchen belegt und ihm außerdem... 'blaue Pillen' verabreicht haben...  'Das ist die schlimmste Anschuldigung, die ich je gehört habe', erregte sich Roberto Carlos. Der vermeintliche 'schwarze Magier' vom Weltpokalsieger Real Madrid kündigte an, er werde den Autor verklagen..."! 7

MUSIK: Anfang von MUDDY WATERS „I GOT MY MOJO WORKING" (CD s.o.)

SPRECHER 2: Ein Mojo-Bag, für gewöhnlich ein hübscher kleiner Beutel aus Flanell (in Rot für Herzensangelegenheiten, in Weiß für allgemeineres Verhexen und Verfluchen, in Grün fürs finanzielle Fortkommen ) - angefüllt je nach Zielvorgabe mit Locken, Fuß- oder Fingernägeln, Hühnerfedern, Ziegen- oder Katzenfell und ähnlichem -  und obenauf (wohl auch, damit es etwas besser riecht) diverse Kräuter und Knollen.

ZITAT: „I’m going down to Louisiana to get me a Mojo-Hand.
                I’m gonna fix my woman so she can’t have no other man!“ (Lightnin’ Hopkins) 8

SPRECHER 1: Die Kleintiersterblichkeit in Louisiana dürfte also, nach allem was wir gehört haben, deutlich über dem amerikanischen Landesdurchschnitt liegen: Katzen, Hühner, Ziegen laufen stets Gefahr dem Okkulten geopfert zu werden.
("MUSIK": eventuell im Hintergrund aufgeregtes Gackern, Meckern & klägliches Miauen)

ZITAT: „The Hoodoo told me to get a Black Cat Bone and shake it over their head,
                they’ll leave your man alone!“ (Ma Rainey)  9

SPRECHER 1: Dazu kam, daß vor allem die alten Bluesmusiker wie Muddy Waters, Howlin' Wolf, Leadbelly oder Robert Johnson, die erotischen Doppeldeutigkeiten und das für den Uneingeweihten Unverständliche des Voodoo-Vokabulars zu schätzen wußten und diese sich oft köstlich darüber amüsierten, wenn auf diese Weise verschlüsselt ihre schlüpfrigsten Lieder plötzlich unzensiert im Radio und in der Jukebox liefen, weil die prüden Sittenwächter des wohlanständigen weißen Amerika etwa beim folgenden Vers offensichtlich nur eine unverdächtige, mit Marmelade gefüllte Biskuitrolle vor Augen hatten:

ZITAT: „She bakes Jelly Roll so good for me, sometimes I wish my Baby would stop,
                cause she’s so fine in every way, she’s going to make me blow my top!“
                (Lonnie Johnson) 10

SPRECHER 1: ...oder weil sie sich bei Blind Lemon Jefferson’s Song „Black Snake Moan“ vermutlich lediglich die Frage stellten, ob es denn wohl zoologisch korrekt sein könne, wenn ein schwarzes Reptil anfängt zu stöhnen.

MUSIK: aus DR.JOHN „DANSE FAMBEAUX" (CD s.o.)

SPRECHER 1: Einmal schildert Dr.John, wie er gemeinsam mit einem Kollegen, dem ausgewiesenen Satansjünger Graham Bond, in einer nächtlichen Séance einen zahlungsunwilligen Produzenten stilvoll aber erfolglos zum Teufel wünschte:
ZITAT: „Wir stellten schwarze Kerzen auf, schwenkten Weihrauch... (und so weiter und so fort)... Graham zelebrierte sein ganzes Aleister Crowley-Brimborium und ich meinen üblichen Gris-Gris Shit... Und dann, am nächsten Tag?!... Nichts passierte, rein gar nichts!... 'Fuck the Hoodoo' ... Wir hätten vielleicht doch besser die direktere Methode wählen und (den Saukerl) einfach erschießen sollen!" 11
                (weiter im Hintergrund)
 

SPRECHER 1: Häufig stolpert man als wissbegieriger Musikhörer in Liedern über seltsame Worte, auf die man sich (auch unter Zuhilfenahme des dickleibigsten „Langenscheidt“) keinen rechten Reim zu machen vermag. In seinem Buch „Rock and Read" hat Bernhard Schmid sich einmal die Mühe gemacht, den Rockslang zu erforschen - und es erstaunt eigentlich nicht, wie vieles sich dort aus der Voodoo-Sprache wiederfindet:

SPRECHER 2: Da gibt es zum Beispiel noch ein anderes hübsches Amulett aus dem gängigen Arsenal: die „John-The-Conquer-Root".

ZITAT: „Eine der zahlreichen Wurzeln, die im magischen System des Voodoo-Kultes Glück bringen. Sie gehört häufig zu den Ingredienzen des Mojo-Bag, man trägt sie jedoch auch als runzelige Knolle in der Hosentasche. Genau genommen tragen die Wurzeln dreier verschiedener Pflanzen diesen Namen: 'High John the Conqueror', die begehrteste..., 'Low John' und 'Chewing John'. Der Legende nach... war John ein afrikanischer Königssohn, der, in die Sklaverei verkauft, seinen neuen Herren so manches Schnippchen schlägt und so zu einer mythischen Gestalt wird. Die Wurzel gab ihren Namen einer Reihe von Produkten bis hin zum Potenzmittel, dem 'John the Conqueror Herbal Tonic for Men'"! 12
„...When I rub my Root, my John-the-Conquer-Root -
     Aw, you know, there ain’t nothing she can do, Lord!“ (Muddy Waters) 13
 

MUSIK: aus CRANBERRIES „ZOMBIE"

SPRECHER 2: Zombies!

SPRECHER 1: Wade Davis, ein renommierter Biologe, der sich aus seiner wissenschaftlichen Sicht mit dem Kult auseinandergesetzt hat, stellte die These auf, daß die Voodoo-Priester wohl vor allem hervorragende Giftmischer seien.
Um aus einem Menschen einen Zombie zu machen, verabreicht ihm zufolge der Hoodoo Man seinem Opfer zunächst das Gift eines tropischen Kugelfisches. Dadurch wird ein Muskelstarrkrampf ausgelöst, der den Unglücklichen schließlich bei klarem Bewußtsein vollkommen bewegungsunfähig werden läßt. Um die Macht des Zauberers über Leben und Tod zu beweisen, wird der vermeintlich Verstorbene feierlich begraben - nur um ihn anderntags wieder ebenso feierlich zu exhumieren und vor staunendem Publikum ins Leben zurückzurufen. Dazu bedarf es nur einer Atropin-haltigen Pflanzendroge, welche als Gegenmittel den Krampf löst. Der Zombie kann sich so zwar wieder bewegen, aber einige Gehirnzellen dürfte ihn dieses Martyrium gekostet haben.

SPRECHER 2: Tetrodotoxin ist ein Gift, welches direkt auf das Nervensystem wirkt. Es kommt in Kugelfischen der Gattung „Fugu Rubripes“ vor. Das erste Anzeichen einer akuten Vergiftung ist ein leichtes Prickeln auf der Zunge und den Lippen.
Und hier werfen wir noch ein letztes Mal einen Blick in die Kochtöpfe der Welt. Von japanischen Gourmets nämlich wird Fugu vor allem wegen dieses Nervenkitzels hoch geschätzt als eine lukullische Spezialität der besonderen Art. Nur Köche mit besonderer Lizenz dürfen ihn zubereiten (dennoch beklagt die Feinschmeckergemeinde in jedem Jahr über hundert Todesfälle).
Ob nun durch einen unvorsichtigen Küchenchef, der aus Versehen die Leber des Fisches anritzte, oder durch einen sinistren Doctor bei Trommelklang ins Jenseits befördert, das Schicksal des Betroffenen bleibt gleich beklagenswert.

SPRECHER 1: Auch eine Reihe ungeklärter mysteriöser Todesfälle in der Geschichte des Jazz schreiben einige Chronisten, wenn auch nicht dem Kugelfisch, so doch dem Voodoo-Kult zu.
Buddy Bolden etwa, der vielen als der erste Jazzer gilt:
ZITAT: „Mit diesen alten langsamen Blues konnte der Junge machen, daß die Frauen aus dem Fenster sprangen... (Er) hatte ein Stöhnen in seinem Horn, daß es dir durch und durch ging, so, als wärst du in der Kirche...“! 14

SPRECHER 1: ...über ihn, von dem leider keine Tonaufnahmen existieren, geht das Gerücht, ein böser Fluch hätte ihn (nach einem Streit mit seiner Schwiegermutter) in den Wahnsinn getrieben.
Und dann gab es da noch einen legendären Conga-Spieler mit Namen Chano Pozo, der in den 40er Jahren zusammen mit Dizzy Gillespie den Jazz mit karibischen Klängen infizierte. Seine Ermordung, so wird vermutet, sei im Auftrag seiner Voodoo-Brüder und -Schwestern erfolgt, die es ihm übel nahmen, daß er ihre heiligen Rhythmen entweihte. MUSIK: (im Hintergrund) „RYTHME SIMBI“   (s.o.)

SPRECHER 2: Die modernen Medien machen auch das okkulte Leben leichter. In Zeiten des World-Wide-Web und des E-Commerce ist man zum Erwerb eines Voodoo-Zaubermittels nicht mehr auf einen nächtlichen Friedhofsbesuch angewiesen, die Katzenknochen liegen jetzt nur ein paar Mausklicks entfernt. Ein Internetshop bietet das ganze Sortiment:

ZITAT: „Utensilien für die Rituale des Voodoo-Kultes für Gesundheit, Geld, Liebe und Rache.
Voodoo-Ouangas: die berühmten Puppen!
Manger-Loa: das Set mit dem Donnersteins, der nur für Sie persönlich da ist!
Die Rituale, die wir Ihnen vorstellen und aus denen Sie auswählen können, sind im allgemeinen von jedermann durchführbar. Im Gegensatz zu anderen Formen der Magie hängt die Realisierung Ihres Zieles nicht von zeitraubenden und aufwendigen meditativen Vorbereitungen ab. (Es) entscheidet (allein) die Kraft Ihres Wunsches, Ihrer Liebe und Ihrer Sehnsucht in Verbindung mit den mächtigen Wesenheiten des Voodoo. Alle notwendigen Utensilien sind im Ritual-Set integriert. Manche sind etwas aufwendiger, doch die meisten sind einfach und unkompliziert, aber dennoch sehr effizient. Eine ausführliche und äußerst kostbare Geheimnisse beinhaltende Anleitung liegt den jeweiligen Zutaten bei..."! 15

SPRECHER 1: Praktisch!

SPRECHER 2: Und es ist heutzutage, wenn man der Werbung glauben schenken darf, nicht einmal mehr nötig, das Voodoo-Püppchen eigenhändig mit spitzen Nadeln zu traktieren oder ihm mit einem scharfen Messer die Augen herauszuschneiden - es geht, wenn man will, auch völlig virtuell: als Online-Dienstleistung unter www.pinstruck.com  im Html-Format direkt an das anvisierte Opfer - via E-Mail!

MUSIK:  Anfang von JIMI HENDRIX „VOODOO CHILE"
                        (CD Hendrix: „Blues" / Polydor 521 037 2)
 
 

ZITATE:
1)  Dr. John „Under a Hoodoo-Moon“ (St.Martin’s Griffin / New York 1994) (S.159 + 163) (Übers.L.N.)
2) Michael Ventura „Vom Voodoo zum Walkman“ (Verlag Der Grüne Zweig) (S.33)
3) ebd. (S.37ff)
4) ebd.
5)  Graves/Schmidt-Joos „Das neue Rocklexikon“ (rororo / Hamburg 1990) (S.234)
6)  http://www.voodoo.de/
7)  Rhein-Zeitung vom 7.1.99
8)  Bernhard Schmid „Rock’n’Read“ (rororo / Hamburg 2000) (S.307)
9)  ebd. (S.35)
10)  ebd. (S.251)
11)  Dr. John  (S.138) (Übers.L.N.)
12)  B.Schmid (s.o.) (S.257)
13)  ebd.
14)  M. Ventura (s.o.) (S.53)
15)  http://www.voodoo.de
 

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„SWR 2 vor Mitternacht"
vom 22.11.00 und 6.11.02

            DIE OPIUMESSER UND DER „CLUB DES HASCHISCHINS"
                      - DROGEN UND LITERATUR IM 19.JAHRHUNDERT -
                       (von Dr.Lutz Neitzert)
 
 

MUSIK: (Geräusch einer Kutschfahrt - eventl. mit abschließendem Wiehern)

ZITAT: "An einem Abend im Dezember erreichte ich ein abgelegenes Stadtviertel von Paris, eine Art Oase, welche der Fluß in seine Arme eingeschlossen hat. Ich begab mich zu einem alten Haus auf der 'Ile St.Louis'. Es war dies das Hotel 'Pimodan', wo jener geheimnisvolle Club, dem ich kürzlich beigetreten war, seine monatlichen Seancen abzuhalten pflegte. Ich ging hinein...
'Er ist es! Er ist es!' riefen Stimmen durcheinander: 'Laßt ihn uns gebührend empfangen!'...
Auf einem Büfett stand eine Platte mit zierlichen japanischen Untertassen.
Der Doktor teilte sodann jedem von uns mit einem Löffel (feierlich) eine Portion grünlicher Paste zu..." (1)

SPRECHER 1: Der „Doktor", Jacques Joseph Moreau de Tours, war ein stadtbekannter Psychiater, der lange Jahre die Rauschmittel des Orients ebendort studiert hatte und nun hocherfreut feststellte, daß sich willige Versuchskaninchen offenbar auch hier, gleich vor seiner Haustüre, halten ließen. Gerne hatte er deshalb eingewilligt, besagtem Zirkel als Zeremonienmeister, medizinischer Notdienst und zudem als Dealer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

SPRECHER 2: Notabene - im Kulinarischen orientierte er sich bei seinen Spezereien vermutlich an einer obskuren Rezeptesammlung, dem Haschischkochbuch einer algerischen Köchin namens "Panama Rose", das kurz zuvor in Frankreich erschienen war.

MUSIK: langsam einblenden in die tumultuöse Schlußpassage aus BERLIOZ' "Symphonie Fantanstique" (am besten mit dem darin zitierten „Dies Irae")

ZITAT: „Des Doktors Gesicht strahlte Enthusiasmus aus, seine Augen funkelten, seine purpurnen Wangen glühten, die Venen in seinen Schläfen traten hervor: 'Dies wird einst abgezogen werden von Deinem Anteil am Paradies!' sagte er, als er mir meine Portion gab. Nachdem jeder die seine verzehrt hatte, wurde noch Kaffee gereicht (auf arabische Weise) ...
'In den Salon! In den Salon!' rief einer der Gäste: 'Hört ihr nicht den himmlischen Chor?'...
Es war die Arie der Agathe aus dem 'Freischütz'..." (1)

MUSIK: in den etwas leiser werdenden BERLIOZ hinein (durchaus kakophonisch!) einige Takte aus WEBERs „Freischütz" (2.Aufzug, 2.Auftritt - Arie der Agathe: „Leise, leise, fromme Weise...")

ZITAT: „Bald schien die Melodie aus mir selbst zu kommen; meine Finger flatterten über ein imaginäres Klavier... Ein homerisches Gelächter hob an...
'Es wimmelt, es kriecht, es brummt, es faucht' wie Goethe es in seiner Walpurgisnacht beschrieb...
Schon hatten sich einige Haschischesser auf den Boden fallen lassen...
Ausrufe wie 'Mein Gott, bin ich glücklich! Welch ein Segen! Ich stürze in die Tiefen der Lust!' kreuzten und vermischten sich und wurden aufgesogen....
Eines der Club-Mitglieder, das nicht an der wollüstigen Vergiftung teilgenommen hatte, um diejenigen von uns, welche sich beflügelt glaubten, vom Sprung aus dem Fenster zu bewahren, erhob sich schließlich, öffnete das Klavichord und nahm davor Platz..." (1)

MUSIK: (eventuell wieder über einen leiser werdenden BERLIOZ) einige Takte aus CHARLES ALKANs „Scherzo Diabolico" (Musik dann langsam ganz ausblenden)

ZITAT: „(Der) Ausgelassenheit am Anfang folgte nun ein unaussprechliches Wohlbehagen, ein Frieden ohne Ende. Ich befand mich in der glücklichsten Phase des Haschischrausches, die man im Orient 'Kif' nennt...!" (1)

SPRECHER 1: In diesem enthusiasmierten Bericht, nachzulesen in der Februarausgabe 1846 der „Revue des Deux Mondes", offenbarte der Schriftsteller Théophile Gautier einem staunenden Publikum das Wesen der geheimnisumwitterten Feste im Hotel „Pimodan" und bestätigte damit zugleich all jene Gerüchte, die immer schon von Unerhörtem und Absonderlichem wissen wollten.

SPRECHER 2: Dort also wälzte sich nach ausgiebigem Genuß von Cannabis-Konfekt ("Dawamesc" genannt) ein fürwahr illustrer Kreis delirierend auf dem Orientteppich, taumelte zwischen Kandelabern, Plüsch und Stuck und glaubte dabei an eine Offenbarung der ganz besonderen Art.

SPRECHER 1: Zur Stammbesetzung gehörten Victor Hugo, Honoré de Balzac, Alexandre Dumas...
SPRECHER 2: ... der Ältere, der seinen „Grafen von Monte Christo" vor allem die aphrodisiakischen Wirkungen des Haschisch wortreich preisen ließ...
SPRECHER 1: ...sowie Gérard de Nerval:
ZITAT: „Der Traum ist ein zweites Leben. Jene Pforten aus Elfenbein..., die uns von der unsichtbaren Welt trennen, habe ich nicht ohne Schaudern durchquert...!" (2)
SPRECHER 1: ...und, als der Hemmungsloseste von ihnen allen, Charles Baudelaire:
ZITAT:
„So lieb ich dich! Doch willst du heute, wie ein Stern
in Finsterung entgleitet einem müden Dunkel,
des Wahnsinns Tummelplätzen gönnen dein Gefunkel -
So sei's! Heraus denn, süßer Dolch, triff deinen Herrn! (...)
Ob schwarze Nacht, ob roter Morgenrausch - heil allen!
Kein Fleisch an mir, das nicht in diesem Schrei erstürbe:
Geliebter Teufel, laß mich vor dir niederfallen!" (3)

SPRECHER 2: Auch andere Pariser Intellektuelle waren neugierig geworden und machten sich ihren eigenen Reim auf das, was sie da hörten und sahen oder selbst erlebten.

SPRECHER 1: Der Maler Honoré Daumier lithographierte die "Fumeur de Hadchids", die junge Garde der „Symbolisten" um Rimbaud, Verlaine und Mallarmé knüpfte nicht nur literarisch an ihre erklärten Vorbilder Baudelaire und Gautier an, und auch Komponisten wie Hector Berlioz oder Camille Saint-Saens schrieben nun wahrhaft orgiastische Räusche in ihre opulenten Partituren (und verschreckten damit ums Ebenmaß besorgte Klassiker ebenso wie die klavierspielenden höheren Töchter und deren entsetzte Eltern).

MUSIK: nochmal ALKAN
oder aus SAINT-SAENS / ARMAND RENAUD: "TOURNOIEMENT (DELIRIUM)"

SPRECHER 2: Apropos Musik! In Deutschland entstand zu jener Zeit ein heute (wohl völlig zu Recht) vergessenes Œuvre aus der Feder eines gewissen Oscar von Chelius: das Musikdrama "Haschisch"!

SPRECHER 1: Hans-Georg Behr schreibt darüber in seinem Hanf-Buch:

ZITAT: „An der Dresdner Hofoper gelangte (nach einem Libretto von Axel Delmar) die Oper ‘Haschisch’ zur Uraufführung... Die Handlung umfasst nur einen Aufzug, aber der hat’s in sich.“ (4)

SPRECHER 2: Erzählt wird in exotisch-orientalischem Ambiente eine moralissaure Dreiecksgeschichte, welche tragisch damit endet, daß das Objekt der Begierde, Hama, eine liebreizende Dame aus dem Serail, durch einen Haschischtrank vergiftet, hinscheidet.

ZITAT: „(Mit) der letzten Zeile ihrer (Arie) stirbt sie in walzerseligem Delirium...“ (4)

SPRECHER 2: Viel Beifall fand man damit allerdings nicht.

ZITAT: „'Das Ganze riecht zu sehr nach billiger Effect-Hascherei' befand die Leipziger Zeitung ... und damit versank (das) Werk im Mülleimer der Kulturgeschichte"! (4)

SPRECHER 2: Trotz der offenbar untadeligen Moral von der Geschicht (als warnendes Exempel im Sinne der Volksgesundheit) wurde es also kein Publikumserfolg. Weder fand die Oper den Weg noch einmal auf eine Bühne, noch in irgendein Plattenstudio.

SPRECHER 1: Widerstand gegen die neuen Modedrogen kam erwartungsgemäß natürlich auch von Seiten der Spirituosenfirmen. So präsentierte etwa das Champagnerhaus „Veuve Clicquot" eines Tages der schockierten Öffentlichkeit einen reuigen, von seinen schlimmen Verfehlungen berichtenden „Haschischin" und beschwor dessen glückliche Rückkehr in die gütigen Arme des Weingeistes - bis sich herausstellte, daß es sich dabei um einen Angestellten der Kellerei handelte, der noch nie in seinem Leben von „Dawamesc" oder ähnlichem auch nur genascht haben dürfte.

MUSIK: aus MOZARTs „Don Giovanni" - „Champagner-Arie"

SPRECHER 2: In einem vielgelesenen Werk dozierte ein Engländer über die verschiedenartigen Wirkungen von Rebensaft und Schlafmohn:

ZITAT: „Der wesentliche Unterschied liegt darin, daß, während der Wein die geistigen Fähigkeiten in Unordnung bringt, das Opium, in der angemessenen Weise genommen, sie in die erlesenste Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Harmonie überführt. Der Wein raubt dem Menschen die Macht über sich selbst, das Opium stärkt sie in hohem Maße...
Ein bemerkenswerter Unterschied ist (auch), daß den plötzlich ausbrechenden Sympathien, welche die Trunkenheit erweckt, stets Rührseligkeit beigemischt ist. Man schwört ewige Freundschaft und vergießt Tränen, doch kein Sterblicher weiß eigentlich, warum. Die moralischen Gefühle des Opiumessers dagegen verharren in einem Zustande wolkenloser Heiterkeit, und über allem glänzet das große Licht des erhabenen Geistes...!" (5)

SPRECHER 2: 1821 veröffentlichte Thomas de Quincey seine autobiographischen „Bekenntnisse eines Opiumessers" - neben einem „praktischen Ratgeber" mit dem vielversprechenden Titel „Mord als eine schöne Kunst betrachtet", wurde vor allem dieses Werk des Autors, ein Kultbuch für den Aufbruch in die europäische Romantik.

MUSIK: GLASHARFEN-Klänge & Gewitterlärm

SPRECHER 1: Auch am malerischen Ufer des Genfer Sees fand eine folgenreiche Seance statt. In der alten „Villa Diodati" saßen eines Abends im Kerzenschein die Dichter Lord Byron, Percy und Mary Shelley mit ihren Freunden beisammen...
SPRECHER 2: ...Haschisch und Opium dürften dabei im Spiel gewesen sein und auch hier war wieder einmal ein neugieriger Mediziner mit von der Partie, Byron's Hausarzt, der Dr.Polidori.

ZITATORIN: „Die Geisterstunde war verstrichen, bevor wir uns zur Ruhe zurückzogen. Als ich mein Haupt auf mein Kissen bettete, schlief ich nicht, noch hätte man sagen können, daß ich dachte. Ohne daß ich wollte, ergriff und leitete mich meine Vorstellungskraft und gab den sich folgenden Bildern, die in mir entstanden, eine Lebendigkeit, die weit über die gewöhnlichen Grenzen der Träumerei hinausging... Am Morgen verkündete ich, daß mir eine Geschichte eingefallen sei!" (6)

SPRECHER 1: So schildert Mary Shelley die Geburtsstunde ihres „Frankenstein".

SPRECHER 2: Überall in Europa und Amerika waren die Schöngeister äußerst angetan von den diversen Mittelchen - selbst der fahrigste Wirrkopf war plötzlich dank Opium in der Lage sich in nie gekanntem Maße auf sein Werken zu konzentrieren, im Haschisch-Rauch küßt auch den drögen Geist dann doch vielleicht einmal die Muse und das Kokain machte noch aus dem antriebslosesten „Oblomow" einen funkensprühenden Workoholic und ließ Minderwertigkeitskomplexe sich mit einem Schlag in Größenwahn verkehren.

SPRECHER 1: Viele Dichter und Künstler ...
SPRECHER 2: ...Charles Dickens, Herman Melville, Henry Thoreau, John Keats, Fitz Hugh Ludlow ...
SPRECHER 1: ... machten ihre Erfahrungen.
SPRECHER 2: Nicht alle, aber viele von ihnen unterschätzen in ihrer ersten Euphorie offenbar maßlos die Hinfälligkeit des eigenen Körpers und die Zerbrechlichkeit des sozialen Gefüges. Und wer dem Phänomen der Sucht begegnete, der fand kaum noch einmal den Weg zurück. Die Liste der Opfer und Leidenden unter der schreibenden Prominenz des 19.Jahrhunderts ist lang. Gerard de Nerval nahm sich im Alter von 46 Jahren schlußendlich den Strick, Samuel Taylor Coleridge, Francis Thompson, Thomas de Quincey, Arthur Rimbaud, Paul Verlaine und andere dämmerten in den letzten Jahren ihres Lebens im Elend dem Tod entgegen.

MUSIK: wieder BERLIOZ

SPRECHER 1: Die drei Drogen, welche die Pfeifen, Becher und Schatullen der Romantiker füllten, waren also Haschisch, Opium und Kokain.

SPRECHER 2: Haschisch, gewonnen aus dem Harz der weiblichen Blüte der Hanfsorte Cannabis indica, wurde schon von Hildegard von Bingen gegen Entzündungen verordnet und Francois Rabelais gab es seinen beiden Riesen „Gargantua und Pantagruel" als „Kräutlein Pantagruelion" mit auf ihre beschwerlichen Wege.

SPRECHER 1: Der Pionier der deutschen Drogenforschung, Louis Lewin, zählte Haschisch unter die sogenannten „Phantastica" - Substanzen also (heute als Halluzinogene bezeichnet), welche Visionen und spektakuläre Wahrnehmungsverzerrungen hervorzurufen vermögen. Ein Effekt, der allerdings beim Haschisch nur in sehr hohen Dosen und auch nur relativ schwach ausgeprägt auftritt -  vergleicht man es mit jenen im 20.Jahrhundert entdeckten Psychedelica, wie dem Meskalin aus dem Peyote-Kaktus, dem Psilocybin aus den mexikanischen „Zauberpilzen" und vor allem dem LSD, die um ein Vielfaches wirkungsvoller sind. Das von Albert Hofman 1938 aus dem Mutterkornpilz synthetisierte LSD wirkt bereits in der unvorstellbar winzigen (mit bloßem Auge kaum noch zu erkennenden) Dosis von einem Zehntausendstelgramm und entfacht ein weit größeres Spektakel im Gehirn als die Cannabis-Pralinés im „Club des Haschischins"...
SPRECHER 2: ...weshalb manch einem aus heutiger Sicht die Schilderungen der Trips aus dem Hotel „Pimodan" dann auch vom künstlerischen Überschwang doch arg übertrieben erscheinen.

SPRECHER 1: Der eigentliche Wirkstoff, das THC (Tetrahydrocannabinol), ist nicht nur in der Pfeife oder als Joint konsumierbar - es ist zudem fettlöslich. Ein Umstand, der schon früh entdeckt wurde, und nicht nur jene Köchin „Panama Rose" zur Kreation einer „Hasch-Couisine" (für den Nichtraucher) animiert hat.

ZITAT: „Meine unersättliche Wißbegierde verführt mich dazu,  alles, dessen Kenntnisnahme nicht gesetzlich untersagt ist, lieber am eigenen Leibe zu erfahren, als es mir auf eine weniger befriedigende und mühseligere Weise anzueignen. Deshalb habe ich auch während meines Aufenthaltes in Damaskus das berühmte Haschisch ausprobiert - jene ungewöhnliche Droge, die dem genußsüchtigen Syrer lustvollere und phantastischere Träume spendet, als er sie aus den Zügen seiner Opiumpfeife erlangen kann... Zur Zeit der Kreuzzüge verwendeten es häufig die Mohammedaner, um sich für den mörderischen Kampf aufzuputschen, und von dem arabischen Ausdruck 'Haschascheën' (Haschischesser), mit dem sie bezeichnet wurden, leitet sich auch das englische Wort 'assassin' (Meuchelmörder) ab...!" (Bayard Taylor 1855) (7)

SPRECHER 2: Dagegen wirkt Opium, wie Lewin sagt, eher als eine Art „Seelenberuhigungsmittel".
SPRECHER 1: Und als segensreiches Sedativum und schmerzstillende Arznei ist es schon seit Jahrhunderten in medizinischem Gebrauch. Bereits Paracelsus verwendete es für sein legendäres Allheilmittel, das (von Goethe ebenso wie von E.T.A. Hoffmann geschätzte) „Laudanum", für dessen Herstellung er es ursprünglich zusammenmischte mit allerlei Nachtschattenkräutern aus der Hexenküche, dazu einige feine Splitter Perlmutt, Froschspermien und zur Geschmacksabrundung Safran, Nelken und eine Prise Zimt...
SPRECHER 2: ...da sollte man wohl wirklich besser bald gesund werden.

SPRECHER 1: In den sogenannten „Opiumkriegen" gegen China 1840-42 hatte die englische Armee erfolgreich darum gestritten, dem Saft des Schlafmohns (Papaver somniferum) endgültig freien Zugang als gewöhnliches Handelsgut auf dem Weltmarkt zu verschaffen. Mit der Folge, daß die Preise für diese Droge immer weiter fielen. Thomas de Quincey berichtete:

ZITAT: „Drei achtbare Apotheker in London sagten mir, die Zahl der Opiumesser sei ungeheuer groß... Samstag nachmittags stapelten sich auf den Ladentischen... kleine Päckchen mit je einem oder zwei Gran Opium...“ (8)
SPRECHER 1:...das alte Apothekermaß Gran entspricht 0,063 Gramm...
ZITAT: „...Der Grund dafür sei der kümmerliche Lohn, der den Arbeitern nicht erlaubt, sich Bier oder Schnaps zu kaufen"! (8)

SPRECHER 2: Das dritte Rauschmittel, das Kokain, gilt dagegen als ein „Euphoricum", ein hochwirksames Aufputschmittel.

SPRECHER 1: Selbst die ansonsten so sprichwörtlich prüde Königin Victoria wußte dies ganz offenbar zu schätzen. Neben dem Haschisch gegen die Migräne, sprach sie (mehrmals täglich) einem Gläschen Coca-Wein zu, den sich auch Papst Leo XIII. auf dem heiligen Stuhl oder Jules Verne an seinem Schreibtisch kredenzen ließen.

ZITAT: „Mariani's Tonic Wine - Dosierung: ein Rotweinglas voll - vor oder nach den üblichen Mahlzeiten und für Kinder die Hälfte -  Angelo Mariani - Pharmacy - Neuilly-Paris Rue de Chartres 10"!

SPRECHER 2: Und noch ein anderes Getränk warb mit dem Fluidum des Stimmungsaufhellers. Ein gewisser Herr Smyth Pemberton aus Atlanta /Georgia startete 1886 eine, wie sich zeigen sollte, höchst erfolgreiche Werbekampagne:

ZITAT: „COCA-COLA - Dieses 'geistige' und alkoholfreie Getränk enthält die wertvollen Essenzen und die nervenstimulierenden Bestandteile der Koka-Pflanze und der Kola-Nuß. Dies macht es nicht nur zu einem delikaten, erheiternden, erfrischenden und kräftigenden Trunk, sondern auch zu einem Gehirn-Tonikum und einem Heilmittel gegen alle nervösen Störungen - es hilft bei Kopfschmerz, Neuralgie, Hysterie und gegen Melancholie!" (9)

SPRECHER 2: In der heutigen Brause ist allerdings kein Kokain mehr enthalten.

SPRECHER 1: Opium, Haschisch, Kokain - alle drei Substanzen waren damals wohlfeil und auf unterschiedlichste Weisen in Gebrauch.  Noch 1927 beklagte Lewin:

ZITAT: „Die Unsitte - wenn es nicht mehr ist - Kindern solche Mohnkopfabkochungen oder Opiumtinktur in schließlich erforderlichen sehr großen Mengen... nur zur Ruhighaltung zu geben, ist weit verbreitet und schafft viele Opfer!" (10)

SPRECHER 2: Sigmund Freud aus Wien war überzeugter und bekennender Kokainist. Er empfahl den Stoff den Morphinisten unter seinen Klienten sogar als probates Mittel zum Entzug. Und bei Selbstversuchen geriet er regelmäßig völlig außer sich...
SPRECHER 1: ...und außer „Ich" und „Über-Ich"...
SPRECHER 2: ...und in solcher Stimmung  schrieb er dann schon mal an seine Verlobte Martha Bernays:
ZITAT: „Wehe, Prinzeßchen, wenn ich komme. Ich küsse Dich ganz rot und füttere Dich ganz dick und wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines sanftes Mädchen... oder ein großer wilder Mann, der Kokain im Leib hat!" (11)

SPRECHER 1: So ist es auch kein Wunder, daß die ersten Dopingfälle im modernen Sport fast allesamt auf das Konto des schneeweißen Pulvers gingen - bei der „Tour de France" etwa oder beim „Berliner 6-Tage-Rennen"...

SPRECHER 2: ...und auch ein schottischer Literat steigerte sich zu 6-tägiger Höchstleistung nach Einnahme von Kokain: Robert Louis Stevenson brachte in weniger als einer Woche gleich zwei Fassungen seiner berühmten Gothic-Novelle „Dr.Jekyll & Mr.Hyde" zu Papier:

SPRECHER 1: ...nicht zufällig auch dies - wie Mary Shelley's „Frankenstein" - die Geschichte einer erstaunlichen Verwandlung:

(MUSIK: im Hintergrund eventl. eine entsprechende Geräuschkulisse)

ZITAT: „Mr.Hyde maß eine Kleinigkeit von der roten Flüssigkeit ab und gab eines der Pulver dazu... dann setzte er das Glas an die Lippen und trank es mit einem Zuge aus. Es folgte ein Schrei, er wankte, taumelte, schnappte mit offenem Munde nach Luft, griff nach dem Tisch und hielt sich mit starrem Blick fest. Während ich noch zusah, glaubte ich eine Veränderung an ihm zu bemerken... 'Oh Gott!' schrie ich, und wieder 'Oh Gott!' und immer wieder und wieder. Denn dort vor meinen Augen stand, bleich, zitternd und halb ohnmächtig... Henry Jekyll, als ob er von den Toten auferstanden wäre!" (12)
 

MUSIK: kurz anklingen lassen „GOD SAVE THE QUEEN"

SPRECHER 2: Wie seine Majestät Königin Victoria, so schwor auch einer ihrer treuesten Untertanen - wohnhaft 221B Bakerstreet - auf Kokain als Stimulans in seinem höchst anspruchsvollen und aufreibenden Metier.
Zur Aufklärung eines besonders schweren Falles verordnete Sir Arthur Conan Doyle seinem wackeren Kriminalisten Sherlock Holmes sogar einmal eine 7% Lösung davon - subkutan! Zumindest kriminalstatistisch gesehen eine, wie wir wissen, höchst erfolgreiche Methode.

SPRECHER 1: Auch andere Kriminalautoren in Diensten des British Empire zeigten immer wieder ein ganz auffälliges Interesse an bewußtseinsverändernden Drogen - so etwa Agatha Christie, die sich für jede Neuentdeckung auf diesem Gebiet höchst aufgeschlossen zeigte.

SPRECHER 2: Mit Rauschgift zu tun gehabt haben, das könnte übrigens auch eine weitere (bis heute ungelöste) Kriminalgeschichte. Ein anderer Schöpfer berühmter Detektiv- und Schauergeschichten, Edgar Allan Poe nämlich, kam im Jahre 1849 unter mysteriösesten Umständen in Baltimore zu Tode. Eine schlüssige Vermutung besagt, daß er, der Drogen aller Art sein kurzes Leben lang konsumierte, an einer Überdosis starb, jedoch nicht von eigener Hand, sondern verabreicht durch einen jener berüchtigten sogenannten „Coopers", düstere Gestalten, die im Auftrag skrupelloser Politiker auf Stimmenfang gingen...
SPRECHER 1: ...im wahrsten Sinne des Wortes...
SPRECHER 2: ...indem sie Passanten unter Drogen setzten, um sie dann willfährig ins nächste Wahllokal zu schleppen. In Poe’s Fall allerdings waren ihre Mühen vergeblich - er starb noch vor dem Urnengang.

MUSIK: aus der „TRÄUMEREI" von SCHUMANN

SPRECHER 1: Deutsche Romantik!

SPRECHER 2: Nicht so direkt und unverblümt wie manche ihrer englischen und französischen Kollegen, sondern meist etwas dezenter, eher durch die Blume geflüstert, wirken die versteckten Bekenntnisse hiesiger Poeten.

SPRECHER 1: Durch die „blaue Blume", das Symbol der deutschen Romantik, etwa bei Novalis:

ZITAT:
„Heiliger Schlaf!
Beglücke zu selten nicht
der Nacht Geweihte! (...)
Nur die Toren verkennen dich (...)
Sie fühlen dich nicht
in der goldenen Flut der Trauben,
in des Mandelbaums Wunderöl
und dem braunen Safte des Mohns!
Sie wissen nicht,
daß du es bist,
der des zarten Mädchens
Busen umschwebt
und zum Himmel den Schoß macht -
ahnden nicht,
daß aus alten Geschichten
du himmelöffnend entgegentritts
und den Schlüssel trägst
zu den Wohnungen der Seligen,
unendlicher Geheimnisse
schweigender Bote"! (13)

SPRECHER 1: Oder durch die „rote Blume" in Ludwig Uhland's Gedicht:

ZITAT:
„Der Mohn!
Zur Warnung hört' ich sagen,
Daß, der im Mohne schlief,
Hinunter ward getragen
In Träume, schwer und tief;
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur,
Die Nahen und die Lieben
Halt' er für Schemen nur.

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Tal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt' es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum."
(14)
 
 

SPRECHER 2: Achim von Arnim wirft, wenn man es recht besieht, der Kirche ihr allzu einseitiges Angebot an Rauschmitteln vor:

ZITAT: „...Da steigen Geister auf und geben Zeugnis vom Gott im Wein. Nicht Scherz, Herr Pfarrer, großer heiliger Ernst! ... Im Opium, hab ich mir sagen lassen, findet die Phantasie die Wollust paradiesischer Gärten eingewindelt, in halbbewußten Schlummerträumen uns wieder mitgeteilt, als ob der Geist des versunknen Paradieslebens da ins Opium gebannt wär!...Woher badet sich unsere Einbildung oft im Wohlergehn, das uns überirdisch scheint? Was heißt Paradies? Woher verstehn wir den Ausdruck? Ist es vielleicht eine Rückerinnerung unserer Opiumszeiten? Hat er in der Mohnblume geherbergt so gut wie in der Rebe, und hat die Natur im Geheimnis dieser Blume die Möglichkeit der Phantasie auf unsere Denkfähigkeit übertragen? Ja, Herr Pfarrer! Ist vielleicht unser Menschengeist die auf alles sinnliche Geistesleben der Natur abgezogne Quintessenz?"  (15)

SPRECHER 1: Und Jean Paul, der große Spötter, verglich die einschläfernde Wirkung des Opiums gar mit der der katholischen Liturgie und schlug dementsprechende Verbesserungen im kirchlichen Ambiente vor:

ZITAT: „Ich hab' es schon dem Konsistorium und der Bauinspektion vorgetragen; aber es verfängt nichts. Wir und sie wissen es alle, daß jede Kirche ... für den Kopf oder das Gehirn der Diözes zu sorgen habe, d.h. für den Schlaf derselben, weil ... jenes nichts so stärkt als dieser. Es wäre lächerlich, wenn ich mich hersetzen und erst lange ausführen wollte, daß dieser desorganisierende Schlaf auf eine wohlfeilere Art und für weniger Pfennige und Opium als bei den Türken zu erregen steht; denn unser Opium wird wie Quecksilber äußerlich eingerieben und hauptsächlich an den Ohren angelegt. Nun ist niemand so gut wie mir bekannt, was man in der ganzen Sache schon getan. Wie man in Konstantinopel besondere Buden und Sitze für die Opiumesser, aber nur neben den Moscheen hat: so sind sie bei uns darin und heißen Kirchenstühle. Ferner brennen ordentliche Nachtlichter auf dem Altar... (Allerdings) ist in dem großen kanonischen Schlafzimmer wenigstens insofern für den Schlaf gesorgt worden, daß doch die Teile der Kirche, auf die das Auge sich am meisten richtet, Altar, Pfarrer, Kantor und Kanzel, schwarz angestrichen sind. Man sieht, ich unterdrücke keinen Vorzug, und es ist nicht Tadelsucht, wenn ich tadele... Aber es fehlet einem Tempel noch viel zu einem wahren Dormitorium. Ich stand (ich könnt' auch sagen: ich lag) in Italien und auch in Paris in mehren Theaterlogen, die vernünftig eingerichtet und möbliert waren: man konnte darin (weil alles dazu da war) schlafen, spielen, pissen, essen und mehr... (und) man hatte seine Freundinnen mit..."! (16)
 

SPRECHER 2: „Religion ist Opium für das Volk!" Diese vielzitierte Metapher stammt nicht etwa von Karl Marx, Friedrich Engels oder Wladimir Iljitsch Lenin, sondern von Novalis:
ZITAT: „Ihre sogenannte Religion..."
SPRECHER 2:...schrieb er einmal...
ZITAT: „...wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend...!" (17)
SPRECHER 2: Und er dürfte, wie gesagt, wohl auch wesentlich mehr von der Sache verstanden haben.

MUSIK: einige Takte aus der „MARSEILLAISE"

SPRECHER 1: Bezogen auf die erklärte Rauschfeindlichkeit der Aufklärer und auch der Marxisten schrieb Hans-Georg Behr in seinem Vorwort zu Louis Lewin's Buch „Phantastica":
ZITAT: „Es lag in der Natur der Sache, daß die Aufklärung kein Interesse an der Rauschwirkung der Drogen hatte - der Rausch ist etwas sich dem 'nüchternen Verstand' entziehendes, ist Metaphysik..., gehört also in das geistige Umfeld... der Götter, von denen man sich gerade emanzipieren wollte. Bei den Ritualen der französischen Revolution gab es erstmals in der Geschichte der Religionen keine Drogen! ... (Und) in diesem Punkt waren sich Idealisten und Materialisten einig, auch Marx und Engels, und nur die bösen Anarchisten tanzten ein klein wenig aus der Reihe"! (18)

SPRECHER 1: Auch insofern also war die Romantik ein erklärter Affront gegen das Ideal der reinen aufgeklärten Vernunft.

MUSIK: die „MARSEILLAISE" überblenden mit dem „DIES IRAE" aus dem BERLIOZ

SPRECHER 2: Nach der Epoche der „Haschischins" und „Opiumesser" hat es dann keine Generation von Stürmern und Drängern mehr gegeben, die nicht auch eine eigene Drogenkultur und -ideologie etabliert hätten.

SPRECHER 1: Doch blieb es immer eine höchst exklusive Sache, mit geheimgehaltenen Ritualen und Rezepturen. Man gefiel sich in der Rolle des selbsternannten modernen Schamanen und Sehers. Das gemeine Volk blieb dabei immer außen vor. Erst in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts verlor die Drogenszene ihren bis dahin bewußt aufrecht erhaltenen elitären Nimbus. Statt nur einige wenige auserwählte Intellektuelle sollte nun jeder Mann und jede Frau ihr Bewußtsein auf chemischer Basis erweitern. „Turn on, tune in and drop out!" propagierte Timothy Leary. Marihuana und LSD für alle - für Krethi & Plethi & Janis & Jimi.

MUSIK: aus „Heroin" von „VELVET UNDERGROUND" (in durchaus verstörender Lautstärke)

SPRECHER 2: Während die analytische Wissenschaft im ausgehenden 19.Jahrhundert erst langsam und tastend begonnen hatte, die Wirkungsmechanismen zu erforschen und zu begreifen, präsentierte die Pharmazie (in fahrlässiger Aufbruchstimmung) ständig neue Wundermittel.

SPRECHER 1: Am 21.August 1897 öffnete ein biederer Chemiker namens Felix Hoffmann in Leverkusen in ihrem Auftrag dann endgültig die Büchse der Pandora. Gerade erst wenige Tage zuvor hatte er seinen letzten Auftrag erledigt und eine Substanz mit Namen „Aspirin" zusammengemischt - und nun köchelte in seinem Kolben ein bräunlicher Sud mit der chemischen Bezeichnung „Diacetylmorphin". Ein neues Opiumderivat war entstanden - sein Name: Heroin!

SPRECHER 2: Und wie stets, wenn der Mensch mit moderner Wissenschaft daran geht, eine naturgegebene Substanz nach seinen Plänen zu raffinieren, so potenzierten sich auch dieses Mal mit den Wirkungen auch die Nebenwirkungen. Die Drogenszene des 20.Jahrhunderts erhielt ihren schwarzen Schatten.

SPRECHER 1: Davon allerdings ahnten zunächst weder die Hersteller noch die Kunden etwas.

ZITAT: „Heroin!"
SPRECHER 2: ...stand damals noch in großen Buchstaben gedruckt auf den Schaufensterplakaten der Apotheken und auf den Anzeigenseiten der Zeitungen zu lesen...
ZITAT: „Das neue Sedativum von Bayer - gut gegen Husten!"
 
 
 

ZITATE:

1) THEOPHILE GAUTIER „Le Club des Haschischins"  („Revue de Deux Mondes" 1.Februar 1846 - zt. nach engl. Fassung  http://nepenthes.lycaeum.org/Ludlow/Texts/gautier.html / Übersetzung L.N.)
2) GERARD DE NERVAL „Aurelia" (Reclam / Stuttgart 1971 - S.5)
3) CHARLES BAUDELAIRE „Die Blumen des Bösen" (Insel-Verlag / Frankfurt 1976 - S.59)
4) HANS-GEORG BEHR "Von Hanf ist die Rede" (Sphinx-Verlag 1982)
5) THOMAS DE QUINCEY „Bekenntnisse eines Opiumessers" (in Scheerer/ Schmidt-Semisch „Drogenkalender 1997" / Blattlaus-Verlag Saarbrücken - S.54f)
6) MARY SHELLEY „Frankenstein" (dtv / München 1972 - S.261f)
7) THOMAS DE QUINCEY (zit. nach Schmidbauer-Scheidt „Handbuch der Drogen" / Fischer Frankfurt 1976 - S.116)
8) BAYARD TAYLOR „Die Länder der Sarazenen" (in Scheerer/ Schmidt-Semisch „Drogenkalender 1997" / Blattlaus-Verlag Saarbrücken - S.69)
9) „Coca-Cola"-Werbung (zit. nach Scheerer/ Schmidt-Semisch „Drogenkalender 1997" / Blattlaus-Verlag Saarbrücken - S.25)
10) LOUIS LEWIN „Phantastica" (Parkland-Verlag / Köln 2000 - S.80f)
11) SIGMUND FREUD (zit. nach Scheerer/ Schmidt-Semisch „Drogenkalender 1997" / Blattlaus-Verlag Saarbrücken - S.93)
12) ROBERT LOUIS STEVENSON „Dr.Jekyll & Mr. Hyde"  (Eduard Kaiser-Verlag / Klagenfurt - S.60f)
13) NOVALIS „Hymnen an die Nacht" (zit. Nach H.Kotschenreuther „Das Reich der Drogen und Gifte" (Ullstein-Verlag / Frankfurt 1979 - S.92)
14) LUDWIG UHLAND "Der Mohn" (zit. nach http://killdevilhill.com/romanticschat/messages2/498.html  )
15) ACHM VON ARNIM „Dies Buch gehört dem König" (zit. nach CD-ROM „Digitale Bibliothek"  / Directmedia Berlin 1997 - S. 3472)
16) JEAN PAUL "Die unsichtbare Loge" (zit. nach http://www.gutenberg.aol.de/jeanpaul/loge/loge51.htm )
17) NOVALIS "Vermischte Bemerkungen"(zit. nach http://literatur.lake.de/in/novalis/vb-076.htm)
18) HANS-GEORG BEHR (in LEWIN s.o.)
 

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SWR-„Dschungel“
am 10.2.05
DIE BLUMENKINDER ALS DIE WAHREN VÄTER DES INTERNET
DIE HIPPIES UND IHR CYBERSPACE
                                         (von Lutz Neitzert)

MUSIK: aus „DARK STAR“ - GRATEFUL DEAD (aus dem instrumentalen Intro)
SPRECHER: San Francisco in den 70ern.
Im „Fillmore West“ spielten die “Grateful Dead”, gleich nebenan, im  “Winterland” „Jefferson Airplane“ oder „Iron Butterfly“.
Doch in diesem Biotop gab es nicht nur Künstler und Kiffer, Philosophen und Poeten, sondern auch ein kleines Grüppchen mit einem seltsamen Hobby.
JIM WARREN hieß sein Anführer. Und der rief damals - in der linken Hand einen Joint, in der rechten einen Lötkolben – den „Homebrew-Computerclub“ ins Leben.
Konspirative Meetings und Workshops ließ er gerne in indianischen Schwitzhütten oder nacktbadend im wohltemperierten Holzbottich stattfinden.
Man bastelte und rechnete - und man meditierte zwischen „Ohm“ und „Om“!
Ein Hauch von New Age wehte so von Anbeginn an zwischen all den Bits & Bytes.
Auch „Apple“-Gründer STEVE JOBS – damals standesgemäß liiert mit der Protestsong-Ikone Joan Baez – gehörte zusammen mit seinem Alter Ego und späteren Geschäftspartner STEVE WOZNIAK zum inneren Zirkel der kalifornischen Computer-Hippies, als man dort die ersten Schaltkreise legte für die digitale Revolution.
MUSIK: ein paar Takte aus „SAG MIR WO DIE BLUMEN SIND“ – JOAN BAEZ
                                                  (Deutsche Fassung !)
SPRECHER: Jim Warren war ein Blumenkind wie aus dem Bilderbuch.
Aber eines mit dem nötigen Organisationstalent.
Im April 1977 veranstaltete er die erste seiner bald legendären „Westcoast“-PC-Messen. Nachdem die Universitätsleitung von Stanford ihm ihre Räumlichkeiten verweigerte, hatte er schließlich das passende Ambiente gefunden.
Er rief seine Gemeinde zur Messe in die dritte der heiligen Hallen des Psychedelic Underground - ins „Civic Auditorium“ in der „Grove Street“.
Und der Publikumserfolg übertraf bei weitem alle Erwartungen:
mehr als 13.000 Computerfreaks stürmten innerhalb weniger Stunden den Saal.

MUSIK: aus „DARK STAR“ - GRATEFUL DEAD (aus dem instrumentalen Intro)

SPRECHER: Biodynamisches Geflügel, unbehandelte Sojasprossen, indianischer Wildreis und ayurvedischer Hibiskus-Tee. Als Tourneekoch der Hippie-Rock-Kommune „Grateful Dead“ sorgte CHARLIE AYERS lange Jahre für den kulinarischen Einklang von Speisen und Spirit.
Heute allerdings hat er einen anderen Arbeitgeber. Und auch der verlangt von ihm die gleiche, ideologisch einwandfreie Kost. In Mountain View / Kalifornien leitet Ayers die Kantine der Internetsuchmaschine „Google“.
Doch nicht nur der alte Küchenchef der „Dead-Heads“ wechselte aus der Welt des LSD in die Welt des WWW.

BARLOW-ZITAT: „Information wants to be FREE!“ 1

SPRECHER: JOHN PERRY BARLOW – einst enger Freund des „Grateful Dead“-Gitarristen Jerry Garcia und Texter von  Songs wie „Estimated Prophet“ oder „Gentlemen start your Engines“ – wurde nachmals im Global Village zu einem der rührigsten Propheten des Internet.

BARLOW-ZITAT: „Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl...“ 2

SPRECHER: So beginnt seine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“:

BARLOW-ZITAT: „...Ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes...“ 3

SPRECHER: Auf den Begriff „Cyberspace“, den er ins Vokabular der Netzgemeinde eingeführt hat, stieß er übrigens in einem kanadischen Science Fiction-Roman. Doch davon später mehr.
BARLOW-ZITAT: „...Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid uns nicht willkommen! Wo wir uns versammeln, da besitzt Ihr keine Macht mehr! ... Unsere Welt ist anders! Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft. Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen. Auf keinen Fall werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrängen versucht...“ 4
SPRECHER: Und, um diesem Bekenntnis Nachdruck zu verleihen, statuierte er gleich ein äußerst heikles Exempel.

BARLOW-ZITAT: „...In China, Deutschland, Frankreich, Russland, Singapur, Italien und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert... In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem `Telecommunications Reform Act´ gerade ein Gesetz geschaffen, welches Eure eigene Verfassung herabwürdigt und die Träume von Jefferson, Washington und DeTocqueville beleidigt. Diese Träume müssen nun in uns wiedergeboren werden...“ 5

SPRECHER: Die US-Regierung hatte die Propagandaseite des Neonazis Ernst Zündel gesperrt. Und ausgerechnet Barlow und seine Mitstreiter sind es gewesen, der jene tiefbraune Homepage gespiegelt und über ihre eigenen Rechner wieder zurück ins Netz stellten. Kommentiert in der Gründung des „Free Speech Movement“ und unter dem piktographischen Zeichen eines kleinen „Blauen Bandes“ (das nicht zufällig an das AIDS-Symbol gemahnt).

BARLOW-ZITAT: „...Man kontrolliert Ideen nicht mit dem Versuch, ihre Äußerung zu untersagen!“ 6
 
 

SPRECHER: Doch nicht nur für die freie Meinungsäußerung von Weltanschauung – bis hin zu faschistischer Ideologie - setzt man sich ein, der Kampf gilt vor allem der naheliegender drohenden Verkommerzialisierung des World-Wide-Web. Und auch das steht ganz in der Tradition der „Grateful Dead“, die bei ihren Konzerten stets die besten Plätze für die Tonbänder der Raubkopierer zu reservieren pflegten.

BARLOW-ZITAT: „Music and Information wants to be FREE!“

MUSIK: aus „ESTIMATED PROPHET“ – GRATEFUL DEAD
(daraus den Refrain: „California, a Prophet on the burning Shore / California, I’ll be knocking on the Golden Door / Like an Angel standing in a Shaft of Light / Rising up to Paradise / I know I’m gonna shine...“)

SPRECHER: Große Worte und geschliffen formulierte Manifeste – die Hippies hatten immer schon ein Faible dafür. Und in Fragen der Neuen Medien gab es in den 60ern bereits einen in diesen Kreisen vielzitierten Stichwortgeber - der selbst allerdings alles andere als ein Blumenkind gewesen ist und viel lieber als ein erzkatholischer Fundamentalist vorstellt werden wollte.
Seine visionären Sentenzen und vielfältig ausdeutbaren Prophezeiungen paßten aber damals offenbar viel besser auf den Flokati als in den akademischen Hörsaal oder auf die Kanzel.
Marshall McLuhan, Medienphilosoph aus Toronto und Schöpfer der Rede vom „Global Village“, sagte in einem „Playboy“-Interview schon 1969:

ZITAT: „Der Computer trägt das Versprechen eines technologisch hergestellten Zustands universalen Verständnisses und universaler Einigkeit in sich, eines Vertieftseins in den Logos, das die Menschheit zu einer einzigen Familie verbinden und für dauerhafte Harmonie und Frieden sorgen könnte. Die Integration in einer psychischen Gemeinschaft, die schließlich durch die elektronischen Medien möglich geworden ist, könnte jenes universale Bewußtsein herbeiführen, das Dante vorausgesehen hat, als er prophezeite, daß die Menschen so lange zerbrochene Fragmente bleiben würden, bis sie in einem alles umfassenden Bewußtsein vereint würden. Nach christlichem Verständnis ist das nur eine neue Interpretation des mystischen Leibes Christi. Und Christus ist schließlich die höchste Ausweitung des Menschen !“ 7

MUSIK: aus „DARK STAR“ - GRATEFUL DEAD (aus dem instrumentalen Intro)
(Das Folgende vor musikalischem Hintergrund!)

SPRECHER: Apropos „Playboy“!
WILLIAM HENRY GATES III (genannt BILL) schildert die Anfangsjahre von „Microsoft“ gerne als ein jugendbewegt ekstatischer Aufbruch zum Soundtrack von Psychedelic Rock. Und in einem Gespräch mit ebenjenem investigativen Magazin gestand er tatsächlich einmal, das „Windows“-Logo, jenes beflügelt dahinschwebende viergeteilte Quadrat, verdanke sich einer Eingebung unter Einfluß von Lysergsäuredietylamid. Zumindest dementierte er nicht, als man ihn fragte:
ZITAT:
PLAYBOY:   Haben Sie jemals in ihrem Leben LSD genommen?
GATES:   (Grinst) Oh, die Sünden meiner Jugend, die liegen schon lange hinter mir !
PLAYBOY:   Was heißt das ?
GATES:  Das heißt, es gibt da gewisse Dinge, die ich vor meinem 25sten Lebensjahr getan habe!
PLAYBOY:   Eine LSD-Geschichte erzählt davon, daß Sie einmal so lange auf einen Tisch gestarrt hätten, bis Sie glaubten, die Ecken der Tischplatte stürzten Ihnen plötzlich entgegen !
GATES:   (Lächelt still vor sich hin)
PLAYBOY:    Aha ! Man erinnert sich !     8
 

SPRECHER: Heute allerdings gilt ja, wie man weiß, gerade „Microsoft“ – beheimatet in Seattle, der Geburtsstadt von Jimi Hendrix - als erklärter Feind aller freiheitsliebenden Netizens.

ZITAT: „In a World without Walls and Fences who needs Gates and Windows !?!“

SPRECHER: Vor allem das im „Woodstock“-Jahr 1969 von KEN THOMPSON in den „Bell-Laboratories“ und der linken Berkeley-University entwickelte entschieden basisdemokratische Betriebssystem „Unix“ und seine Weiterentwicklung zu „Linux“ durch den schrägen Finnen LINUS TORVALDS transportierte das alte Unabhängigkeitsideal ins neue Millennium. Während Gates den Quelltext seiner Programme streng unter Verschluß hält, wie seine Brüder im Geiste in Atlanta ihr Brauserezept, ist der „Linux“-Code dagegen jedem Weltbürger frei und offen einsehbar und Aufforderung an Jedermann zu kreativer Mitgestaltung.

MUSIK: kurzes Zitat aus „MASTERS OF WAR“ – BOB DYLAN

SPRECHER: Die Grundidee des Internet war, wie oft beschrieben, eine Kopfgeburt des „Kalten Krieges“. Die Angst davor, daß das damalige „Reich des Bösen“, die kommunistische Sowjetunion, mit einem einzigen gezielten Nuklearschlag die gesamte Kommunikationsstruktur der US-Armee zerstören könnte, führte zu dem Plan, ein Datennetz aus unendlich vielen Knoten und ohne einen sensiblen Zentralrechner zu konstruieren. Von Beginn an involviert in die Entwicklung des sog. „Arpanet“ waren die Universitäten Stanford in San Francisco und die UCLA in Los Angeles. Und damit hatten die Generäle, ob sie es nun wollten oder nicht, allerlei unerwünschte Mitwisser an Bord. Das neue Medium entstand also mitten im Dunstkreis kiffender Freaks. Denn aus diesem obskuren Milieu stammten – für die Armeeführung leider Gottes – eben auch die genialsten Programmierer. Und auf deren Know-How war man bei einem solch ambitionierten Projekt nun einmal angewiesen.
Das bedeutete, daß man in den Parks rund um die „Golden Gate“ von Beginn an mitdiskutieren konnte, wie die schöne neue Welt denn in näherer und fernerer Zukunft aussehen sollte.
Und das galt nicht nur für das Reich der Ideen und der Software. Auch das Herz der Hardware wurde zusammengelötet im gleichen Ambiente, in dem die ungezählten Garagenbands des Acid-Rock ihre Marshallverstärker aufdrehten.
 
 

MUSIK: aus „HAIR“ die einleitende Strophe des Titelsongs
(„She asks me why I'm just a hairy Guy / I'm hairy noon and night /
Hair that's a fright / I'm hairy high and low / Don't ask me why /
Don't know / It's not for lack of break /
Like the GRATEFUL DEAD...“)

SPRECHER: Eins jedenfalls, das steht fest: Das Who-is-Who der PC- und Internet-Pioniere ging äußerst selten zum Friseur !

JONATHAN POSTEL, der Sandalen und Pferdeschwanz tragende „Godfather of Internet“, arbeitete in Stanford schon in den 60ern für das „Arpanet“-Projekt und gehörte so zu den von Anfang an in alles Eingeweihten.
Er schuf später die Grundlagen für die noch heute praktizierte Verwaltung von Homepageadressen.

WHITFIELD DIFFIE, gleiches Modell , entwickelte das Präsentationsprogramm „Powerpoint“ - natürlich zunächst nur kompatibel mit dem politisch korrekten „Apple-MacIntosh“. Auch sein pfiffiges  Verschlüsselungsprogramm „Public Key“ sollte eigentlich einzig dem Zweck dienen, staatlicher Schnüffelei in E-Mail-Korrespondenzen Einhalt zu gebieten.

Der erste Virenjäger, JOHN MCAFEE, tingelte jahrelang mit seiner Software im klapprigen Campingbus durch die USA, ehe ihn die grassierende Hackerpanik in den 90ern plötzlich und unerwartet unverschämt reich machen sollte. Er widmete sich der digitalen Vernetzung indianischer Siedlungen. Heute ist er stolzer Großgrundbesitzer in Colorado und ein kleines Zubrot verdient er sich nebenher auch noch: als Yogalehrer !

MUSIK: aus „DARK STAR“ - GRATEFUL DEAD (aus dem instrumentalen Intro)
(Das Folgende vor musikalischem Hintergrund!)

SPRECHER: Auch die ersten „Internetcafés“ als Szenetreffs gab es natürlich in „Haight Ashbury“ / San Francisco. Und wo anders als in Kalifornien wäre wohl jemand auf die Idee gekommen, das, was man dort tat, „Surfen“ zu nennen ?!

Populär wurde die faszinierende Welt der Elektronenhirne vor allem durch Kultfilme aus dem Genre der  Science Fiction. Ein Rechner steht im Mittelpunkt von „Dark Star“ und natürlich vor allem spielt er eine Hauptrolle in Stanley Kubrick’s „2001 – Odyssee im Weltraum“.

Dazu eine kleine Denksportaufgabe:
HAL! Sie erinnern sich!  H – A - L also hieß Kubrick’s renitenter Computer !
Und nun rücken Sie doch im Geiste einmal jeden dieser drei Buchstaben um eine Stelle weiter im Alphabet !! ...  Aha!!!

Auch das Wort „Cyberspace“ entstammt ja, wie bereits erwähnt, einer Science Fiction-Story.

MUSIK: aus „NEUROMANCER“ – BILLY IDOL
(daraus: „...It's the Age of Destruction / In a World of Corruption / It's the Age of Destruction /  And they hand us Oblivion / NEUROMANCER and I'm trancing...“)

SPRECHER: Im „Orwell“-Jahr 1984 publizierte WILLIAM GIBSON seinen Roman „NEUROMANCER“, in dem er eine düstere Zukunft schildert, in der reale und virtuelle Welt untrennbar ineinander verschlungen sind und in welcher die wüsten Cyberpunks ihr Unwesen treiben.
Kürzlich tauchte in den Archiven des Fernsehsenders CBC eine alte Reportage auf. Gedreht am 4. September 1967 – der „Sommer der Liebe“ neigte sich gerade seinem Ende entgegen - porträtierte ein Kamerateam das muntereTreiben kanadischer Hippies – am Beispiel eines 19jährigen, eines angehenden Schriftstellers: William Gibson höchstpersönlich !

MUSIK: aus „PAPERHOUSE “ – CAN (instrumentale Passage)

SPRECHER: Die Internet-Postille „Telepolis“ berichtete 1999 vom Camp des „Chaos Computer Club“ in Altlandsberg bei Berlin:

ZITAT: „Sie verbringen ihr Leben zwar größtenteils im Netz, aber der leibhafte Anblick verschafft schnell Klarheit über den kulturellen Kontext: Hier blüht die Hippie-Kultur! Natürlich nicht in Reinform, sondern in einer spezifischen Weiterentwicklung, einer Entwicklung, die die Verwirklichung einer humaneren Welt durch Verweigerung des Strebens nach materiellem Wohlstand und Karriere und die Beseitigung bürgerlicher Tabus mit High-Tech zusammendenkt und -lebt. Freie, friedvolle Naturbezogenheit und Glückserleben in Liebe, Musik, Rauschmittelgenuss, am besten mit einer 34-Megabit-Anbindung ans Internet und einem eigenen Raumschiff?
Eine der kultverdächtigen Gruppen auf dem Camp, waren die Cyberpunks, in der Bay Area um San Francisco beheimatet. `William Gibson ist an allem schuld´, schmunzelt JOHN GILMORE. Der Vierundvierzigjährige im Batikrock hat gut lachen, mehr oder weniger aus Versehen zum SUN- Millionär geworden, kann er sich nun ungestört seiner politischen Arbeit widmen und hat dabei auch noch gute Ratschläge für die aufmerksamen Kids parat. In Lectures mit Titeln wie `Unfug macht Karriere´ wird die frohe Botschaft verkündet, eine Gratwanderung zwischen kapitalistischer Raffinesse und politischem Engagement, wird dem Nachwuchs beigebracht, wie wichtig es ist, nicht nur Kisten zu hacken, sondern auch mit der richtigen Attitüde Social Engeneering zu betreiben !“  9

MUSIK: aus „PAPERHOUSE “ – CAN (instrumentale Passage)

SPRECHER: Zwar gab es unter den Musikern des deutschen „Krautrock“ eine ganze Reihe passionierter Elektronikfreaks – allen voran die Kölner Stockhausen-Schüler der Combo „Can“ – doch die politische Avantgarde hierzulande bestimmte, je grüner sie wurde, umso kompromissloser:
ZITAT: „Jute statt Joystick!“
SPRECHER: Ihre Sorgen waren, wie sich bald zeigen sollte, durchaus berechtigt – vor allem die vor dem „Grossen Bruder“ – doch verbaute man sich damit zugleich einen kreativeren Zugang.

ZITAT: „Die Ökoszene vertrieb High-Tech mit Knoblauch und zunehmend auch mit dem Kreuz. Computer galten als Inbegriff der Entfremdung und Kontrolle! Vielleicht müßte man den PC mit Grasfaserkabel und anthroposophisch verträglicher Tastatur ausstatten...“  10

SPRECHER: ...heißt es in Daniel Kulla’s Biographie über den deutschen Hacker-Guru WAU HOLLAND. Unter dem Titel „Der Phrasenprüfer“ schreibt er weiter:

ZITAT: „Mit Wau wehte ein bißchen von den Sechzigern und sehr viel von der untergründigen Hälfte der Siebziger herein...!“ 11

SPRECHER: In der digitalen Subkultur gab es also auch hierzulande durchaus Vordenker, welche die 68er-Ideale hochhielten und auch weitergaben. Allen voran – mit Latzhose, Jesuslatschen, Wollpullover und naturbelassenem Körpergeruch - Herwart Holland-Moritz genannt „Wau“ Holland. Mitbegründer und bis zu seinem Tod im Jahr 2001 Spiritus Rector des legendären „Chaos Computer Clubs“, der im September 1981 im Gebäude der TAZ gegründet wurde.
Während die grüne Linke allein das Bild eines weltfremden, im Dämmerlicht seines Desktops verspargelten, sich von kalter Pizza und warmer Cola ernährenden Nerds heraufbeschwor, inspirierte der Heimcomputer andernorts Zippies oder Cyberpunks dazu, auf  vollkommen neue Arten und Weisen gegen die staatlichen Obrigkeiten zu Felde zu ziehen und Großkonzerne, wenn möglich, in den Ruin zu treiben.

ZITAT: „Einloggen – Frohloggen – Ausloggen !
Wenn das rauskommt, wo wir reinkommen, kommen wir da rein, wo wir nicht mehr rauskommen!“ 12

SPRECHER: Und auch hier verfasste man nach amerikanischem Vorbild sogleich das ein oder andere Manifest. Besagter Wau Holland, politisch geschult in marxistischen Kadergruppen und poetisch als Autor der TAZ, veröffentlichte die erste deutsche „Hacker-Bibel“:

ZITAT:  „Alle Informationen müssen frei sein !
            Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen !
       Mißtraue Autoritäten, fördere Dezentralisierung !
       Der Zugang zu Computern... sollte unbegrenzt und vollständig sein !
       Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen !
       Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut und nicht nach üblichen
       Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher
       Stellung !
            Computer können Dein Leben zum Besseren verändern !“        13

SPRECHER:  Von der Justiz mehr als einmal des groben Unfugs bezichtigt, beharrte er immer darauf, daß das was er mache, kein „Grober Un-Fug“ sei, sondern, ganz im Gegenteil:
ZITAT: „Feiner Fug“!  14

SPRECHER:  Andernorts jedenfalls hatte die Linke viel eher und geschlossener das subversive Potential des neuen Mediums erkannt und sofort damit begonnen, es eigenmächtig und querdenkend auszuloten.
Sogar TIM LEARY, der LSD-Papst der 60er, verkündete plötzlich neben seinem altbekannten:
ZITAT: „Turn on - Tune in & Drop out !“
SPRECHER:  ...nun auch eine digitale Version seines Credos zur Bewußtseinserweiterung:
ZITAT: „Turn on - Boot up & Jack in !
Die auf Computer und Heimkommunikationszentralen aufbauende Informationsgesellschaft vervielfacht die menschliche Intelligenz zu einer bisher unvorstellbaren Größe!“  15
 

SPRECHER:  Selbst der Ur-Hippie überhaupt, KEN KESEY, Kopf der ersten Aussteigerkommune und weltberühmt als Autor der irren Geschichte „Einer flog über das Kuckucksnest“, ergriff jede Gelegenheit, auf Cyber-Happenings aufzutreten und sich wort- und gestenreich zu seiner unheilbaren Internetsucht zu bekennen.

MUSIK: aus „GENTLEMEN START YOUR ENGINES“ – GRATEFUL DEAD
  (ab ca. 2.15: „...Gentlemen start your Engines / I got a Head full of vintage TNT /
                        They’re gonna blow me up instead of burying me...“)

SPRECHER:  Doctor Timothy Leary hatte, wie immer, beschlossen, weiter zu gehen, als alle andern.  Als er, schwer erkrankt an Krebs, spürte, daß es mit seinem Leben bald zu Ende sein würde, verfügte er, daß sein Ableben über Livekameras online in alle Rechner übertragen werden sollte. Das Globale Dorf  sollte auf spektakuläre Weise von ihm Abschied nehmen. Und tatsächlich gab es wochenlang Bilder aus seinem Sterbezimmer zu sehen – bis seine Familie schließlich doch das Auge der webcam pietätvoll schloss, noch ehe er seinen letzten Atemzug getan hatte.

Die Zeitungen bekamen kurz darauf aber dennoch ihre Schlagzeile:

ZITAT: „ERSTE WELTRAUMBESTATTUNG
Gando/Gran Canaria  - Zur ersten Weltraumbestattung hat eine amerikanische Trägerrakete die sterblichen Überreste von 24 Menschen von den Kanarischen Inseln aus ins All geschickt. Unter den Toten, deren Asche auf die Weltraumreise ging, waren der legendäre `Star Trek´-Autor Gene Roddenberry und Timothy Leary. Die Rakete `Pegasus XL´ war mit zwei Dutzend Mini-Urnen an Bord mit Hilfe eines Flugzeugs vom Typ `Lockheed L-1011Tristar´ auf eine Höhe von 11.000 Metern gebracht worden. Dort klinkte sich die am Bauch der Maschine angebrachte Rakete aus. Die Kleinst-Urnen hatten etwa die Größe von Lippenstiften und werden in einigen Monaten oder Jahren als Sternschnuppen im Orbit verglühen !“

SPRECHER:  Besagter Gene Roddenberry übrigens, der arbeitete vor seiner Karriere als Film- und Fernsehautor bei der „Los Angeles Police“ – Ironie des Schicksals - ausgerechnet als Drogenfahnder - auf Leary's Fährten !

Kurz vor seinem Tod spielte Leary noch in einem Film über die Tochter des englischen Schriftstellers Lord Byron einen Professor. Ada Lovelace (geb. Byron) gilt als mathematisches Genie und Miterfinderin unserer modernen Computersprache.

MUSIK: aus „DARK STAR“ - GRATEFUL DEAD

BARLOW-ZITAT: „Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten ! - John Perry Barlow (Davos, Schweiz, den 8. Februar 1996)“  16
 

ZITATE:

1-5, 16 zit. nach
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/PAEDPSYCHORD/Barlow.html

6  zit. nach Helmut Neumann „Das Lexikon der Internetpioniere“ (S. 41) (Berlin 2002)

7  zit. nach Philip Marchand  „Marshall McLuhan...“ (S. 292f ) (Stuttgart 1999)

8  zitiert und übersetzt nach http://beginnersinvest.about.com/ library/titans/bl-billgatesinterview5.htm

9  zit. nach Cornelia Sollfrank: „Mehr Männer in Röcken als Frauen“ /  www.telepolis.de/tp/deutsch/pop/event_2/4127/1.html
 

10-14  zit. nach Daniel Kulla „Wau Holland – Der Phrasenprüfer“ (Werner Pieper & Grüne Kraft Verlag / „Der Grüne Zweig  241“)
 

15  Wolfgang Sterneck „Cybertribevisionen“ (S. 189) (Nachtschatten-verlag / Solothurn 1999)
 
                                                          - - - - -

SWR-"Dschungel"
am 25.1.10

 

     Das Youtube-Phänomen CANON ROCK oder: Guitar Heroes im Bett

                                                          (von Lutz Neitzert)

 

Musik 1: "Canon Rock" FunTwo-Version

SPRECHER: Links ein ungemachtes Bett, rechts ein PC, die Sonne scheint durchs Fenster - auf eine schwarzgoldene E-Gitarre (der Marke ESP Alfee Custom) und einen schmächtigen Jungen in einem türkisblauen T-Shirt. Eine beigefarbene Baseballkappe verdeckt sein Gesicht während er spielt - ganz versunken und konzentriert - ein Stück klassischer Musik - einen Kanon aus dem späten 17. Jahrhundert.

O-Ton 1: "...some of my friends in New Zealand, they actually know the truth... / (Moderator) And what do they think ? / (FunTwo) They - haha... they think like - mmh... `how can you be a kind of star? ´...they say, `you're not even handsome !´ ...or something like that... hahaha !"

- Übersetzung: "...einige meiner neuseeländischen Freunde wissen Bescheid, sie sagen: `Du kannst doch kein Star sein, so wie Du aussiehst !´" -

O-Ton 2: "(Moderator) Take a listen to this man play Pachelbel's famous canon... This composition is originally written for three violins and this gentleman with his stratocaster plays all the parts. And watch him as he really gets cranking here. Self taught !... Self taught ! / (Moderatorin) Is this the one who said, he didn't want to show his face because he said: `I'm not that handsome´ ? ...That's very cute in my opinion, deeply cute... !"

- Übersetzung: "(Moderator) Hören Sie einmal diesem Mann zu, wie er den berühmten Kanon von Pachelbel spielt. Die Komposition ist geschrieben für drei Violinen und dieser Gentleman spielt ganz allein...

Und das als Autodidakt ! / (Moderatorin) Ist das nicht der Junge, der sein Gesicht nicht zeigen möchte, weil er meint, er sei nicht hübsch genug ? Ich finde das so süß, richtig süß !" -

FunTwo-ZITATSPRECHER: "Drei Wochen hatte ich das Stück geübt, ganz für mich allein, und dann wollte ich endlich mal ein bißchen Feedback haben..." 1

O-Ton 3: "...was that weird or was that ok ? I never imagine that I could be some kind of star or a famous person...!"

- Übersetzung: "...war das Scheiße oder war das ok ? Jedenfalls hätte ich mir nie vorstellen können, dadurch berühmt zu werden...!" -

SPR: Unter dem Usernamen FunTwo hatte er das 5 Minuten 23 Sekunden lange Video "Canon Rock" ins Internet gestellt - trotz eher lausiger Tonqualität und dilettantisch geschnitten - erregte es sofort Aufsehen und sorgte für heftige Diskussionen in Guestbooks, Chatrooms und Newsgroups:

ZITATSPRECHER: "Damn he's good ! /  A new comment every 10 minutes ?!  That's totally crazy ! /  Thumbs up ! / Absolut perfekt ! / O my God - this is awesome! / Vraiment super ! / This is too good to be played in a room ! You deserve much more man ! / Von mir gibt's jedenfalls 5 Sterne ! /  Good job ! / The deal is that he is a genius ! / Einfach nur geil ! / 64.174.941 views ! Wow ! / If every video in Youtube would be gone except for this, I would still be happy ! / I also love that guy - but that's because I'm a homosexual ! / So rock on brother !" 2

(- diese und die späteren "Guestbook"-Zitate eventl. mit leisem PC-Tastaturklackern unterlegen -)

SPR: Er konnte also durchaus zufrieden sein mit den ersten Reaktionen.

Aber natürlich gab es auch die unvermeidlichen Neider, Nörgler, Korinthenkacker und Fachsimpel:

ZITAT: "By the way - he did a mistake ! Check between 2:12 - 2:16 and you will here it..."

Musik 2: besagter "Fehler" bei 2:15  

SPR: Aha !?

ZITAT: "...Und hier, bei 2:41, hat er auch daneben gehauen ! Und die Modulation bei 3:50 ist ebenfalls verkehrt ! / And I think I just heard yet another terrible tone - wait - let me listen again ! Oh yeah, its at 3:33 !" 3

Musik 3: besagter "Fehler" bei 3:33

SPR: Zudem argwöhnten einige, mißtrauisch gemacht durch eine winzige Asynchronität zwischen Bild- und Tonspur, das Ganze sei vielleicht ein Fake. Er habe die Musik im Computer generiert und dann bloß die Finger dazu bewegt.

Auch ein Schnitt in der Mitte des Films wurde bemerkt und abschätzig kommentiert.

ZITAT: "Das Ding scheint ja aus zwei Teilen zu bestehen. Ich vermute, weil er nicht in der Lage ist, das gesamte Stück einmal fehlerfrei durchzuspielen !"

FunTwo-ZITAT: "Ich hatte Bild- und Tonspur getrennt aufgenommen und dann wohl nicht so ganz exakt zusammengefügt und, ja, ich habe das Stück tatsächlich in zwei Teilen eingespielt !" 5

SPR: Aber auch Grundsätzlicheres wurde kritisiert. Vor allem Klassikpuristen meldeten sich empört zu Wort.

ZITAT: "Ich hatte die Originalfassung des Pachelbel-Kanons als Hochzeitsmusik - und die ist so viel besser als das hier ! / Well, that's just another way to ruin classical music - thanks !"

SPR: Die meisten aber waren völlig begeistert und etwas später wurde man dann auch in den alten Medien auf den erstaunlichen Hype um ein so kurzes Stückchen Instrumentalmusik aufmerksam.

Die Zeitung "The Independent" titelte:

ZITAT: "The Axeman cometh ! Pachelbel makeover makes a web superstar !"

SPR: ...und schrieb:

ZITAT: "Asiens neues Gitarrenwunder nennt sich selbst FunTwo und sein Video auf Youtube wurde bereits millionenfach angeklickt. Alles was von seinem Gesicht zu sehen ist, ist sein Kinn, während er die komplizierten Arpeggien eines alten Barockmeisterwerks spielt. Dieses völlige Fehlen von Mimik kontrastiert faszinierend mit der aberwitzigen Fingerfertigkeit und das einströmende Sonnenlicht gibt dem Ganzen dazu noch etwas irgendwie Traumhaftes. Dieser Clip erlangte eine Online-Prominenz wie sonst vielleicht höchstens noch ein Paris Hilton-Sexvideo !" 7

SPR: Aber wer verbarg sich hinter dem Pseudonym und der Baseballkappe ?

Eine investigative Journalistin der New York Times enthüllte am 27. August 2006 schließlich FunTwo's Inkognito:

ZITATSPRECHERIN:

"Web Guitar Wizard revealed at last (Internet Gitarren-Hexer enttarnt) !

Vor acht Monaten tauchte jenes mysteriöse Musikvideo auf, das in einem schwarz-weißen Vorspann einen gewissen FunTwo als Interpreten nennt. Es erreichte schnell eine Publicity, vergleichbar nur mit Promisex oder einer Marienerscheinung. Auf Gitarren-Portalen, MySpace-Seiten und Videoplattformen wurden unzählige Links plaziert. Das Video provozierte Bewunderung, Kritik, Skepsis oder Mißgunst. Und immer wieder tauchte die Frage auf: `Wer zum Teufel ist das ?´" 8

SPR: Ein Gitarrist aus Malaysia behauptete fälschlicherweise, jener FunTwo zu sein, ebenso ein zwölfjähriger Amerikaner. Aber die entscheidende Fährte, die hatte er selbst gelegt. Im Intro zu seinem Clip hatte er korrekterweise auch den Namen des Arrangeurs jener rockigen Pachelbel-Coverversion genannt - ein gewisser JerryC (alias Jerry Chang), ein semiprofessioneller Musiker aus Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan, auf dessen Homepage die Urfassung zu finden war.

JerryC hatte den Kanon für die Onlinepräsenz seiner eigene Heavy Metal-Band eingespielt. Er kannte den Titel aus dem elterlichen Plattenschrank, machte daraus ein hochvirtuoses Übungsstück und, wie gesagt, eine etwas schräge Promo für seine C-Band. Und auch er saß dabei ganz allein in seinem Schlafzimmer.

Musik 4: "Canon Rock" JerryC-Version 

SPR: FunTwo jedenfalls hatte sich die von JerryC zum Download angebotenen Noten und das Playback heruntergeladen, Grüße zurückgelassen - und dabei offenbar digitale Spuren gelegt, denen die New Yorker Journalistin dann detektivisch nachging.

ZITATSPRECHERIN: "Indem ich bestimmten Hinweisen und Verbindungsdaten auf JerryC's Messageboard folgte, stieß ich schließlich auf den 23-jährigen Südkoreaner Lim Jeong-Hyun aus Seoul. Es bestand kein Zweifel daran, daß er FunTwo war !" 9

SPR: Sie nahm also Kontakt auf:

ZITATSPRECHERIN: "In einer E-Mail erklärte er mir, wie es zum Canon Rock gekommen ist !" 10

FunTwo-Zitat: “Als ich JerryC's Video zum ersten Mal sah, war ich tief beeindruckt...

...Das wollte ich auch spielen können ! Ich übte und übte und schließlich postete ich meine eigene Version in einem koreanischen Musikportal namens Mule. Und dann hat es - ohne mein Wissen - irgendein Unbekannter, der sich Guitar 90 nennt, am 23. Oktober 2005 auf Youtube eingestellt..." 11

SPR: ...mit dem ebenso kurzen wie prägnanten Hinweis...

ZITAT: "...This guy iz great !..." 12

SPR: ...und unter dem noch kürzeren und noch prägnanteren Titel "Guitar" - was sicher auch dazu geführt hat, daß fast jeder nach irgendwelcher Gitarrenmusik suchende User darauf stoßen mußte.

ZITATSPRECHERIN: "Als ich Mr. Lim fragte, warum er sein Gesicht nicht gezeigt habe, schrieb er mir..." 13

FunTwo-ZITAT: "Ich wollte nur mein Spiel beurteilt haben. Und ich dachte, da würde es nur ablenken von meinen Fingern und von meinem Sound !"

SPR: Von nun an aber ist auch sein Gesicht bekannt. Und schließlich begrüßen zwei etwas überdrehte Moderatoren das verlegen kichernde Wunderkind in einer koreanischen Fernsehshow:

O-Ton 4: (aus einer koreanischen TV-Sendung)

a - Übersetzung: "(Moderator) Ein junger Koreaner überrascht Internetnutzer auf der ganzen Welt. Sogar in der New York Times wurde er schon vorgestellt. Lim Jeong-Hyun heißt er und war vorher ein völlig unbekannter Hobbygitarrist...

Wir haben ihn vorhin erst erreicht, um ihn einzuladen, und er ist tatsächlich spontan gekommen...

b - ...Wo haben wir Dich denn hergeholt ? /

 (FunTwo) Aus einem Internetcafé in Shinchon, ich war gerade am Computerspielen./

(Moderator) Dann hast Du wahrscheinlich schon gesehen, daß Dein Name in den Suchmaschinen an erster Stelle steht, oder ? /

(FunTwo) Ja, habe ich. /

(Moderator) Und, wie hast Du Dich da gefühlt ? /

(FunTwo) Ich bin total überwältigt. /

(Moderator) Ja, Du stehst auf der ganzen Welt im Mittelpunkt, wie findest Du das denn ? /

(FunTwo) Ich fühlte mich total betrübt ! /

(Moderator) Betäubt, meinst Du ? /

(FunTwo) Genau ! /

(Moderator) Also, Du bist jetzt gut drauf, oder ? /

(FunTwo) Ja ja, es geht mir gut !" -

SPR: In einem anderen Interview befragte man ihn zu seinen musikalischen Vorlieben und er erzählte von seiner allerersten Begegnung mit einer elektrischen Gitarre:

O-Ton 5: "...The first motivation was Nirvana. I first heard the song called `Smells like teen spirit´... the guitar-riff was so impressive for me... I thought like, `how, what's the name of an instrument that sounds like this ?"

- Übersetzung: Alles fing mit Nirvana an. Ich hörte ihren Song `Smells like teen spirit´ und dieser Gitarrenriff beeindruckte mich schwer. Ich dachte, `was, um alles in der Welt, ist denn das für ein Instrument ?´ -

SPR: Mittlerweile war auch das Ur-Video jenes Taiwanesen auf Youtube aufgetaucht. Und sofort gab es diverse Parallelvergleiche beider Aufnahmen - stilisiert zu einer Art Showdown:

ZITAT: "JerryC versus FunTwo"!

SPR: Letzterer ist hier im linken Kanal zu hören:

Musik 5: JerryC vs FunTwo Showdown-Version 

SPR: Bald kursierten auch die ersten - ebenfalls selbstgemachten - mehr oder weniger brauchbaren Lehrvideos, in denen die Tricks und Licks, die Fingersätze und die im Stück verwendeten Spezialitäten aus der Hohen Schule der Rockgitarre beschrieben und vorexerziert werden. Das virtuose und feinmotorisch äußerst knifflige Sweep-Picking etwa, das Tapping (Klopfen) oder das Muting (Abdämpfen der Saiten) oder auch die sogenannten Pinch-Harmonics (durch eine bestimmte Anschlagstechnik erzeugte singende Obertöne).

Musik 6: Ausschnitte aus drei Lehrvideos

a - "Hey, I'm Alex and I'm here to show you how to play Canon Rock. It's just the Intro and the Main-Riff and - going on - I hope you learn from this... It's going to start on the 19th fret of the B-String - 17 - 15 - 14 - 12 - 10..."

b1 - "Hi, this is how to play Canon Rock. It's a really long song..."

b2 - "Use the powerchord, the E-powerchord on the 3rd fret - and on the G-string you hit the 4th, 6th and 7th fret and go back down to the 6th..."

c1 - "To play Canon Rock rhythm start with a D-powerchord on the 5th fret of the A-string - play it like this..."

c2 - "...and then slide from the 4th fret to the 6th fret on the G-string - then do a pull-off between the 7th fret and the 6th fret..."

- Übersetzung:

a - "Hi, ich bin Alex und will Euch zeigen, wie man den Canon Rock spielt... Es beginnt im 19ten Bund der H-Saite, dann runter 17ter, 15ter, 14ter, 12ter, 10ter..."

...

b2 - "Nimm einen Powerchord, den E-Powerchord im 3ten Bund - und auf der G-Saite greifst Du den 4ten, 6ten, 7ten und dann wieder den 6ten Bund..."

...

c2 - "...dann kommt ein Slide vom 4ten in den 6ten Bund der G-Saite und dann ein Pull-Off zwischen dem 7ten und dem 6ten Bund..." -

SPR: So instruiert begann dann eine regelrechte Canon Rock-Olympiade.

Überall auf der Welt versuchen seither Dutzende pubertierender Guitar Heroes einander zu übertrumpfen.

ZITAT:" I challenge that youtube-guitar-star to a duel ! / Ach, so toll ist das ja gar nicht, es klingt viel komplizierter, als es ist ! Okay ! Ich nehme die Herausforderung an ! / I'm better than You and I'm calling you out FunTwo !" 15

SPR: Eine brauchbare Gitarre, einen PC und eine Webcam hat ja heute fast jeder Nachwuchsmusiker - ein ungemachtes Bett sowieso. Also zunächst einmal den Backing Track auf den Rechner geladen, ausreichend geübt und Selbstbewußtsein getankt - dann die Boxen angeschaltet, das Kabel in den Verstärker gestöpselt und los ! Und die meisten veröffentlichten Ergebnisse sind durchaus konkurrenzfähig und können sich hören lassen.

ZITAT: "The Ultimate Canon Rock Medley !"

SPR: Ein Zusammenschnitt aus 40 der besten Clips:

Musik 7: aus der Sampler-Version "The Ultimate Canon Rock Medley !"  

SPR: Und als dann auch noch die ersten mutigen Mädchen mitmischen wollten, mit ihren eigenen Gitarren auf ihren eigenen Betten, da gab es für sie natürlich gleich die typischen Macho-Sprüche:

Musik 8: aus der Cute Girl-Version  

ZITAT: "Schaut nur, was für kleine Händchen sie hat ! / A guitar and a cute girl - that's hot ! / Ja, gar nicht soo schlecht ! Aber versuch doch mal, das Ganze ein bisschen aufzupeppen - vielleicht könntest Du ja dabei herumhüpfen, durchs Zimmer tanzen oder so !?" 16

Musik 9: (die Anfangstakte des) Pachelbel-"Kanon in D" / I Musici

SPR: Johann Pachelbel aus Nürnberg, geboren im Jahr 1653, dessen "Kanon in D-Dur" auf keinem "Barock Greatest Hits"-Sampler fehlen darf, gilt als so eine Art One Hit Wonder seiner Epoche...

...Sein Instrument war die Orgel - und auch sein Kanon erinnert nicht zufällig an eine festliche Orgelmusik. Im Laufe seines Lebens komponierte Pachelbel viele Choräle, Fugen und Toccaten - aber allein dieses kleine, eher beiläufig entstandene Neben-Werk, geschrieben für 3 Geigen, ein Cello und ein Cembalo, sicherte ihm seinen Nachruhm. Ungezählte Coverversionen und Arrangements entstanden und sogar Loblieder - wie das des Singer-Songwriters Roger Charles:

Musik 10: Roger Charles: "Pachelbel"

("Oh Pachelbel (er singt: Pätschebell) - how can I begin to tell you while you're smiling down at me in my local galery ? Oh Pachelbel, Pachelbel...")

SPR: Pachelbel heißt der Mann, Pach-Elbel !

Eine simple aber in sich schlüssige, gemächlich dahinschreitende zweitaktige Baßfigur, die sich 28 mal unverändert wiederholt...

- die ersten 8 Baßtöne (aus der I Musici-Aufnahme / Musik 9) spielen

  und die Notennamen darübersprechen:

ZITAT: ...D-A-H-Fis-G-D-G-A...

SPR: ...dann setzen die Melodieinstrumente ein, dreistimmig, in einem sich immer weiter fortspinnenden und variierenden Kanon.

SPR: Im Barock gab es noch keine Trennung in E- und U-Musik und so übten sich auch die seriösesten Komponisten in der Produktion von Ohrwürmern. Und Pachelbel kannte offenbar ein sehr gutes Rezept dafür. Seine Komposition wurde zu einem Evergreen, der über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zeitgemäß neu interpretiert worden ist.

Musik 11: eine Collage aus:

a - Canadian Brass "Pachelbel Canon"

b - Brian Eno "Fullness of Wind (Variation on 'The Canon in D Major')"        

c - Vanessa Mae "Pachelbel's Canon"

d - Naturally 7 "Pachelbel's Canon in D"

SPR: Auch als Gebrauchsmusik wurde und wird der "Kanon in D" oft verwendet. Die Melodie ist zumindest in der engeren Wahl als hymnischer Einzugsmarsch glücklicher Paare bei romantischen Hochzeitsfeiern, als Berieselungsmusik in Fahrstühlen oder Warteschleifen, als Soundtrack in Liebesfilmen, Werbespots oder Videogames -

und die einprägsame Akkordfolge - mit ihren schönen Dur-Moll-Wechseln - lieferte außerdem (originalgetreu oder leicht variiert) die Schablone für so manchen bekannten Popsong.

Liedermachern und Hitfabrikanten der unterschiedlichsten Stilrichtungen ist die "Pachelbel-Formel" längst ein Begriff:

ZITAT: Tonika - Dominante - Tonikamollparallele - Dominantmollparallel - Subdominante - Tonika - Subdominante - Dominante...

Musik 12: einige auf dem Pachelbel-Kanon basierenden Popsongs:

(- möglichst nur die angegebenen Passagen bzw. Songzeilen! -)

a) Coolio "C U when U get there"

(Beginnen mit dem instr. Intro - "Now I've seen places and faces and things you ain't never thought about thinking if you ain't peek then you must be drinking and smokin...")

b) Aphrodite's Child "Rain & Tears" 

("Rain and tears are the same, but in the sun you've got to play the game...")

c) Ralph McTell "Streets of London" 

("Have you seen the old man in the closed-down market, kicking up the paper with his worn out shoes?...")

d) Fool's Garden "Lemon Tree" 

("I wonder how, I wonder why yesterday you told me 'bout the blue blue sky and all that I can see is just a yellow lemon tree...")

e) Die Ärzte "Langweilig" 

("Mir ist langweilig, sterbenslangweilig, so stinklangweilig ohne Dich...")

f) Scatman John "Scatman's World"

("I'm calling out from Scatland. I'm calling out from Scatman's World...")

SPR:  Eine Sparte der Rock-Musik scheint ein ganz besonderes Interesse an Barock-Musik zu haben, eine auf den ersten Blick höchst erstaunliche Vorliebe.

Nicht nur JerryC, auch viele andere ambitionierte Heavy Metal-Gitarristen sehen in

den ebenso eingängigen wie raffiniert gestrickten Stücken der alten Tonkünstler

offenbar ein ideales Spielmaterial - für Fingerübungen oder auch für das spektakuläre Showcase - etwa in den Konzerten des schwedischen Gitarrengotts und bekennenden Johann Sebastian Bach-Fans Yngwie Malmsteen:

Musik 13:  Yngwie Malmsteen "Far beyond the Sun (inkl. Air von Bach)"

SPR: Im Phänomen Canon Rock spiegeln sich die neuen musikalischen Möglichkeiten des Cyberspace. Was an Soundqualität - im Reich der MP3 - vielleicht fehlen mag, wird kompensiert durch eine in der Bohlen'schen Plastikpopwelt von heute weitgehend verloren gegangene Aura des Echten, Authentischen und Handgemachten.

Ein schönes Beispiel dafür ist auch ein anderer Wohnzimmer-Gitarrist, der in jüngster Zeit zum Web 2.0-Star geworden ist - Andy McKee:

Musik 14: (die Anfangstakte aus) Andy McKee "Drifting"

SPR: Immerhin auch schon 25 Millionen Klicks zählt Youtube für sein Video "Drifting".

Anders als im grellen Rampenlicht einer Liveperformance oder umzingelt von bedrohlichem Equipment und schlecht gelaunten Tontechnikern in einem Aufnahmestudio entstehen im intimen Ambiente der eigenen vier Wände wesentlich - und hörbar - adrenalinreduzierte Musiken. Musiken, die offenbar dem Wunsch vieler junger Hörer entsprechen, obwohl - oder gerade - weil sie eben nicht perfekt durchgestylt daherkommen.

Wie hätte denn wohl ein MTV-kompatibles Video ausgesehen zum Canon Rock ? Irgendein romantischer Plot vermutlich, in hollywood-barockem Design, vielleicht mit ein paar einschlägigen Blackmetal-Schockeffekten aufgeschreckt.

Die Hit-Werdung des Canon Rock vollzog sich jenseits aller vorgezeichneten und kontrollierten Pfade des Musikbusiness.

Und bis heute weigert sich FunTwo, den kommerziellen Verlockungen nachzugeben. Denn natürlich witterten auch die großen Labels ihre Chance auf ein lukratives Geschäft.

FunTwo-Zitat: "Musik bleibt mein Hobby. Ich spiele in meiner eigenen kleinen Band `Lolita´ - und das wird auch so bleiben - selbst wenn `Metallica´ anrufen sollte !" 17

SPR: Offenbar plant er eine andere Karriere und studiert mittlerweile an der Universität von Auckland/Neuseeland:

O-Ton 6: "(Moderator) ...Auckland University / (FunTwo) I'm currently studying computer science and information system and
I'm on second year !"

SPR: Zur Zeit ist übrigens ein weiteres Stück aus dem klassischen Repertoire offenbar gerade dabei, auf ähnliche Weise Furore zu machen...

Musik 15: (im Hintergrund) C.P.E. Bach "Solfeggietto" / Piano-Version

...Das Solfeggietto von Carl Philipp Emanuel Bach - im Original als Klavier-Etüde und auch in einer ebenfalls verrockten Fassung:

Musik 16: C.P.E. Bach "Solfeggietto" / Gitarren-Version

                    (inkl. gesprochenes Intro: "You film me !?...")

SPR: Im Zusammenhang mit dem überraschenden Erfolg des Online-Lexikons Wikipedia spricht man oft von der sogenannten Schwarm-Intelligenz, die so ein Projekt erst möglich mache - also davon, daß, wenn Millionen ganz unterschiedlicher Menschen mit einer Sache befaßt sind, im Zusammenspiel oft etwas erstaunlich Niveauvolles entsteht. Und auch der Musikgeschmack jenes Schwarms scheint offenbar gar kein so schlechter zu sein. Die Juroren im großen Onlinecasting jedenfalls küren nicht selten durchaus würdige Favoriten.

SPR: Und was seinen Kultstatus im Web 2.0 anbetrifft, so gefällt er sich offenbar darin, in typisch asiatischem Understatement abzuwiegeln:

FunTwo-ZITAT: “Einige sagen, ganz zu Recht, mein Vibrato sei etwas schlampig und auch an meinem Sound müsse ich noch einiges verbessern. Von 100 möglichen Punkten erreiche ich vielleicht 50 oder 60 ! Also werde ich wohl noch ein wenig üben müssen !" 18

-"Canon Rock" (Schluß der) FunTwo-Version


                                                             xxxxxxxxxxxxxxxxxx


SWR-„Dschungel“

am 30.5.07

 

PROVO: FahRradfahrer, nichtraucher, gammLER & anarchisten

                                    (von Lutz Neitzert)

Musik-1-4:

Glockenläuten /

 

„Hochzeitsmarsch“ (aus Wagner’s „Lohengrin“) /

 

„Uche-Uche (Raucherhustensong)“

 

&

 

Fahrradgeklingel

(aus „Bicycle Race“ von Queen)

 

SPRECHER-1: Am 10. März 1966 stand in den Niederlanden ein ebenso prunkvoll inszeniertes wie heftig diskutiertes gesellschaftliches Ereignis an.

Kronprinzes­sin Beatrix van Oranje-Nassau feierte ihre Vermählung - mit einem Deutschen – mit Claus von Amsberg. Und das war gerade einmal zwei Jahrzehnte nach Kriegsende für viele ihrer Untertanen natürlich eine äußerst prekäre Angelegenheit.

Zumal klar war, daß die Augen der Weltöffentlichkeit ihren Fokus auf das Geschehen richten würde.

SPRECHER-2: Und in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre sah eine Gruppe verhaltensauffälliger junger Leute ihre große Chance, endlich auch einmal überregional Schlagzeilen zu machen.

SPR-1: Das Fernsehen übertrug die Zeremonie live. Und auf der gleichen Bühne wie das königliche Paar sollten die Provos ihren ersten spektakulären Auftritt haben.

Die Amsterdamer Ordnungshüter hatten bereits einschlägige Erfahrungen mit ihnen gemacht, und als dann einige Tage vor der Hochzeit alle polizeibekannten Provos plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren, rechnete man mit dem Schlimmsten.

SPR-2: Dann ging es los.

SPR-1: Und ebenso plötzlich waren sie alle wieder da, dekorierten die Goldene Kutsche mit Hollandtomaten und anderem Gemüse, warfen ein paar bunte Rauchbomben, skandierten Parolen wie "Es lebe die Republik !"

Und die Polizei, die reagierte wie erwartet - und erhofft.

 

ZITAT: „Ihr alle wißt, wie sehr wir bei Demonstrationen auf die Mitarbeit der Polizei angewiesen sind.

Ihr solltet es ihr also nicht allzu schwer machen, aber auch nicht zu leicht.

Provos wollen sich nicht mit der Polizei prügeln. Sie wollen, daß die Polizei prügelt.

Demonstrationen, gegen die die Polizei nicht gewalttätig vorgeht, sind keine.

Und der Provo muß demonstrieren. Er muß demonstrieren, damit seine Weltanschauung groß und bekannt wird. Eine Weltanschauung groß und bekannt machen - das aber können nur ihre Gegner. Auf nichts ist der Provo daher so angewiesen, wie auf die Polizei und die gegnerische Presse!“ 1

SPR-2: Und die Rechnung ging auf.

Die Medienberichte jedenfalls übertrafen ihre kühnsten Hoffnungen. Wütende Kommentare der Königstreuen, vor allem jedoch bewundernde Anerkennung von Ihresgleichen.

SPR-1: Sogar die kalifornischen Gurus der Gegenkultur nickten wohlwollend mit den Köpfen.

In einer ihrer Szenezeitschriften, dem „San Francisco Magazine“, konnte man es lesen:

 

Z: “First: Berkeley! Second: Haight-Ashbury! Third: Amsterdam!” 2

SPR-1: Damit tauchte Amsterdam erstmals in der Landkarte des Underground auf und ganz oben in der Liste der hippen Städte!

 

SPR-2: Ein Kritikpunkt an jener Trauung war, wie gesagt, die Tatsache, daß 25 Jahre nach dem Einmarsch von Hitler’s Wehrmacht ausgerechnet ein Deutscher in die königliche Familie einheiratete. Was allerdings historisch noch ein kleine Pointe darin hat, daß der Stammsitz der Dynastie in Nassau an der Lahn liegt und sich die Holländer deshalb noch heute in ihrer Nationalhymne gewissermaßen als Nassauer besingen:

 

Musik-5:

„Nationalhymne der Niederlande“

(„Wilhelmus van Nassouwe

ben ik van duitschen Bloedt...“)

 

Z:

 

 

„Wilhelm von Nassau

bin ich von deutschem Blut...“

 

SPR-1: Was die Provos anbetraf, so richtete sich ihr Protest allerdings weniger gegen den (doch eher harmlos biederen) Claus, ihre Opposition galt dem politisch-ökonomischen System insgesamt. Und das wurde im eigenen Land eben verkörpert durch den Royalismus, aber man bekämpfte es auch in vielen anderen Ismen.

Z: Provo hat etwas gegen Kapitalismus, Bürokratismus, Militarismus, Snobismus, Professionalismus, Dogmatismus und Autoritarismus. Provo betrachtet den Anarchismus als Inspirationsquelle für den Widerstand. Provo will den Anarchismus erneuern und unter die Jugend bringen.

In dieser Zeit eines stürmischen Fortschritts, der uns ins kommende kybernetische Zeitalter führt, hat der Anarchist Großalarm gegeben. Das Individuum, der Schlüssel zu den heiligsten Geboten, wird bedroht durch die technische Revolution. Und daran ist nicht so sehr die Technik schuld, als vielmehr das Versagen des Individuums selbst!“ 3

SPR-1: Mitte der 60er Jahre hatte die Jugend noch nicht das politische Bewußtsein der 68er.

Gesellschaftskritische Impulse begannen sich erst langsam zu entwickeln.

Die Szene war eine Mischung aus lederbejackten Motorrollern, vergeistigten Existentialisten (mit Jean-Paul Sartre’s „Ekel“ auf dem Nachttisch), freakigen Beatniks, die Bebop-Jazz hörten, und - als neueste Gattung - lahmärschigen Gammlern.

SPR-2: 1967 schrieb Margret Kosel, eine zeitgenössische Sympathisantin, über „Gammler, Beatniks, Provos“ (mit dem Untertitel „Die schleichende Revolution“):

Z: „Immer mehr spielen sich in der jüngsten Zeit die Provos in den Vordergrund, jene Gruppe, die es bei bloßer Passivität nicht mehr bewenden lassen will und die den Versuch macht, über den blinden Protest gegen die Verplanung und Vereinsamung durch die Leistungsgesellschaft hinaus zu einer fühlbaren Gegenbewegung zu gelangen. Darin stecken ehrwürdig-anarchistische Impulse neben überkommenen Ideen der Jugendbewegung, es mischt sich unpolitisches Zurück-zur-Natur-Bedürfnis mit linkskritischen Tendenzen. Typische Merkmale der Beatnik-Ideologie sind auch in der Provo-Bewegung erhalten: Zen-Buddhismus, Rauschgiftgenuß, Symbolismus, Aktivismus, Angst vor der Zukunft.

Ihre Ziele sind in Manifesten zusammengefaßt, die sich vor Platitüden nicht scheuen:

- Abschaffung des moralischen Zwangs bei der Arbeit!

- Kleider machen keine Leute! Man soll nicht vom Äußeren auf den Menschen schließen!

- Der Rassendiskriminierung soll ein Ende gemacht werden!

- Zur Beseitigung von Grenzen und zur Abschaffung des Begriffes der Nation soll eine Welt-Konföderation aller Völker gebildet werden!

Das endgültige Manifest wird weitere Punkte enthalten, über die die Provos vorläufig noch Stillschweigen bewahren.“4

SPR-1: Und so sah sich auch eine reichlich verwirrte Polizei, die sich gerade erst auf promillig randalierende Rock’n’Roller eingestellt hatte, konfrontiert mit politischen Parolen und Aktionen, die noch in keinem Strafgesetzbuch verzeichnet waren: „Happenings“, „Sit-Ins“, „Be-Ins“, wildes Diskutieren, „Spaziergangsdemonstrationen“...

SPR-2: Der Begriff Provo“ stammt übrigens ursprünglich aus einer kriminologischen Dissertation über die „Hintergründe des Halbstarkenverhaltens“. 

SPR-1: Eine gereizte Staatsgewalt reagierte in der Folge gegen jede vermeintliche Störung des öffentlichen Friedens mit oft völlig überzogener Härte.

SPR-2: Etwa im Falle des Provo-Mädchens Koosje Koster, das verhaftet wurde, obgleich es nichts anderes  getan hatte, als Korinthen an Passanten zu verschenken - eine Aktion, die sie sogar noch bibelfest mit der Liebesbotschaft aus den Korintherbriefe des Paulus zu begründen wußte.

SPR-1: Als Gegenreaktion stiegen in der Bevölkerung langsam aber stetig die Sympathienwerte der Provos, obgleich deren Fundamentalopposition so ziemlich jeden Vertreter des Establishment weltgeschichtlich zum Auslaufmodell erklärte.

SPR-2: Das vormalige Proletariat habe sich vom und zum Konsum verführen lassen, sei mit der Bourgeoisie durch die gemeinsame Anbetung von Fernsehapparaten und Automobilen längst zu einem einzigen `Klootjesvolk´, einer dumpfen Masse von Spießbürgern, verschmolzen.

Dem gegenüber steht als Macht der Erneuerung, als letzte revolutionäre Klasse, das Provotariat – das all jene umfaßt, die den Kommerz verachten und alle autoritären Strukturen abschaffen wollen.

Als bekennende Anarchisten lehnten die Provos die von Karl Marx propagierte Form des Klassenkampfes ab. Dennoch beteiligte man sich gelegentlich an Aktivitäten der Arbeiterbewegung.

SPR-1: Etwa an einem Streik der Bauarbeiter.

Es kam zu Straßenschlachten mit der Polizei, die dabei zum ersten Mal nach dem Krieg mit scharfer Munition schoß. Als ein Arbeiter getötet wurde, leugnete die konservative Zeitung De Telegraaf wider besseren Wissens die Schuld der Polizei. Es kam zu heftigen Protesten gegen das Blatt und schließlich zur Stürmung des Redaktionsgebäudes und vielen Verhaftungen.

SPR-2: Der Schriftsteller Harry Mulisch schilderte als Augenzeuge die Vorgänge in seiner Novelle „De Rattenkoning (Der Rattenkönig)“. Und darin charakterisierte er auch treffend die gesellschaftlichen Frontlinien:

Z: “Während ihre Eltern auf ihren Kühlschränken und Geschirrspülmaschinen sitzen, das linke Auge auf das TV-Gerät gerichtet, mit dem rechten das Auto vor dem Haus bewachend, in einer Hand den Küchenmixer in der anderen De Telegraaf, machen sich ihre Sprößlinge auf zum Spui Square. Und wenn die Uhr dann Zwölf schlägt, dann erscheint ihr Hohepriester...!“ 5

SPR-1: Auf dem Spui, einem kleinem Platz im Zentrum der Stadt, steht das Denkmal eines Gassenjungen, das „Lieverdje“, gestiftet von einer Zigarettenfirma. Die Provos erklärten es kurzerhand zum Sinnbild des „versklavten Konsumenten“ und veranstalteten dort ihre ersten Zusammenkünfte.

SPR-2: Bei schlechtem Wetter fanden die Happenings allerdings meist im Saale statt.

Und einmal hatte jemand ein Tonbandgerät mitgebracht.

SPR-1: Zuerst ein kurzer Soundcheck:

Musik-6: („Provo-Happening“ O-TON Nr. 1)

SPR-2: Und dann konnte es wieder einmal losgehen...

Musik-7a: (O-TON Nr. 2a)

 

Z: „...ein Tourist hat mich gefragt, was es mit den Provos auf sich hat. Wir fuhren viele Kilometer im Auto und ich erzähle ihm, wie alles anfing und was da los war im letzten Sommer...“

SPR-1: Am 25. Mai 1965 wurde die Provo-Bewegung offiziell gegründet.

Vordenker und Initiator war Roel van Duyn.

Z: „Der junge Philosoph, dessen blasses Gesicht ein gepflegter dunkler Bart umrahmt, wohnt in einem jener schmalbrüstigen Amsterdamer Häuser, die bislang dem Abbruchbagger entgangen sind. In seinem Zimmer, einer Dachkammer, steht ein eiserner Ofen, ein wackliger Tisch, stehen viele Apfelsinenkisten. Er sitzt auf seinem Bett in der Ecke, umgeben von Büchern, Zeitungen, Heften, und schreibt!“ 6

SPR-1: Van Duyn stammte aus theosophischem Elternhaus, war Montessori-Schüler, schon früh aktiv in der Friedensbewegung „Ban-de-Bom“ und träumte nach der Lektüre der Werke Bakunin’s und Kropotkin’s  von einer Erneuerung des Anarchismus.

SPR-2: Auf den Begriff „Provo“ stieß er übrigens in einem Zeitungsbericht über die erwähnte Halbstarken-Studie.

SPR-1: Zum engeren Zirkel gehörte der Drucker Rob Stolk, dessen Metier und Talent wesentlich die publizistische Außenwirkung prägte.

Sie führten einen regelrechten Papierkrieg mit unzählige Pamfletten und Provokaties – Plakaten, Flugblättern und einem Zentralorgan mit dem naheliegenden Namen „Provo“.

Dann gab es da einen Designer und genialischen Erfinder...

SPR-2: ...auch von abstrusesten Ideen...

SPR-1: ...namens Luud Schimmelpennink, die Poeten Jan Wolkers und Simon Vinkenoog...

SPR-2: ...letzterer machte die Provos mit Aldous Huxley’s psychedelischen „Pforten der Wahrnehmung“ bekannt...

SPR-1: ...den Soziologen Jan Erik Rormein und den Sinologen und Zen-Buddhisten Jef Last.

SPR-2: Jener Hohepriester aber, den Harry Mulisch beschrieben hat, das war Robert Jasper Grootveld. Ein exzentrischer Künstler, der damals schon seit einigen Jahren in aller Öffentlichkeit äußerst seltsame Dinge tat. Durch ihn erhielt die Bewegung Inspirationen aus der bereits hinreichend skandalerprobten Avantgardekunst-Szene, und durch ihn lernte sie, wie noch keine Jugendbewegung zuvor, sich der Medien zu bedienen.

Z: „Imaazje (Image)“...

SPR-2: ...wurde zum neuen Zauberwort!

SPR-1: Und seine Show, die war wirklich gut!

SPR-2: Samstags zur Geisterstunde erschien er auf dem Spui – mal als indianischer Schamane – meist jedoch verkleidet als „De Zwarte Piet“ - hierzulande besser  bekannt als „Knecht Ruprecht“. Und in dieser Rolle erklärte er quasi seinen Vorgesetzten zum neuen Messias:

Z: Klaas kommt !“

SPR-2: ...raunte er immer wieder und bald stand es an allen Wänden.

Klaas, Sinterklaas, der Heilige Nikolaus also...

SPR-1:...der übrigens nebenbei auch noch einer der Stadtheiligen Amsterdams ist...

SPR-2: ...als Hoffnungsträger für alle vom Kapitalismus Geknechteten.

SPR-1: Damit hatte die Provo-Bewegung ihren eigenen „Godot“!

Musik-7b: (O-TON 2b)

 

Z: „...Der Asphaltdschungel wächst. Und sehr viele sind ausgezogen, suchen nach Genuß, suchen nach mehr Genuß, suchen nach Hochgenuß. Meiner Meinung nach ist der höchste Genuß, der kommt, Klaas! Er ist immer noch nicht gekommen, aber er kommt – er wird kommen!“

SPR-2: Grootveld war auch der Erfinder des sogenannten „Marihuettenspiels!

Angeregt durch die Drogenexperimente amerikanischer Hippies forderte man in Amsterdam ebenfalls:

Z: „Legalize Marihuana“!

SPR-2: In besagtem „Marihuettenspiel“, dessen genaue Regeln sowohl den Mitspielern als auch der Polizei verborgen blieben, sollte die Ignoranz und Unwissenheit gegenüber Drogen vorgeführt werden. Zumeist lief es so ab, daß man in aller Öffentlichkeit irgend etwas rauchte, dann selbst die Polizei rief und abwartete, was geschehen würde. Bonuspunkte gab es, wenn man verhaftet wurde, obwohl man lediglich Tee, Petersilie, echtes Gras oder sonstwas in der Pfeife hatte.

SPR-1: Provos verwirrten im Übereifer allerdings gelegentlich auch einmal die zarter besaiteten unter ihren eigenen Anhängern.

So trieb sich Bart Huges coram publico einen Zahnarztbohrer in die Stirn, weil er sich auf diese Weise ein drittes Auge verschaffen wollte. Außerdem werde so...

Z: „...die Blutmenge im Hirn deutlich erhöht...“

SPR-1: ...und dadurch gelange man in den...

Z: „...eigentlichen menschlichen Naturzustand, ins High!“... 7

SPR-1: ...dozierte er.

SPR-2: Hinter alldem steckte ein anarchisches Grundprinzip:

SPR-1: Erst mal schön locker werden, aussteigen aus den Rattenrennen in Beruf und Politik, dann wird sich alles weitere schon irgendwie von selbst regeln!

SPR-2: Im Schallplattenschrank eines typischen Provo standen – neben Protestliedern - bevorzugt ruppig-dilettantische Beatbands mit Rebellenimage wie etwa „The Outsiders“, „Het“ oder die Gruppe „Q 65“, welche gerade...

SPR-1: ...in Englisch mit stark niederländischem Akzent...

SPR-2: ...ihre erste LP veröffentlicht hatte:

SPR-1: „Revolution“!

Musik-8: Q 65 „The Life I live“ (bis ca. 0:50)

(“Sitting in my Chair and thinking. Thinking of the Crowd I'm in with. 
Thinking of the Music I make. And all the things I don't wanna give. 
Well, I take everything I want. The Girls are fighting for me. 
But everytime that I take one they're indisposed, poor old me! 
Well, this is my Life of Sadness. This is the Life I live...”)

SPR-2: Solcher Garagenrock galt auch damals schon als Ausdruck von Authentizität und Unabhängigkeit von den Geldsäcken des Musikgeschäftes.

SPR-1: Natürlich engagierte man sich auch in Anti-Vietnam-Initiativen.

Und einer der populärsten Liedermacher aus diesen Kreisen war Boudewijn de Groot:

Musik-9: Boudewijn de Groot „Welterusten, Meneer de President“

(„Meneer de President, Welterusten. Slaap maar lekker in je mooie Witte Huis.

Denk maar niet te veel aan al die verre Kusten. Waar uw Jongens zitten, eenzaam, ver van thuis.

Denk vooral niet aan die zesenveertig Doden. Die vergissing laatst met dat Bombardement. En vergeet het vierde van die tien Geboden, die u als goed Christen zeker kent...“)

SPR-1: Ein Anti-Kriegs-Lied gerichtet an den US-Präsidenten im „Weißen Haus“.

SPR-2: In einem ganz anderen Sinn wurde die Farbe Weiß zur Farbe der Bewegung.

Man schmiedete „Witte Plannen“, „Weiße Pläne“.

Eine Idee von Luud Schimmelpennink, die kreativ bis absurd zu wuchern begann.

Z: Witte Huizenplan, Witte Opblaasplan, Witte Kinderenplan, Witte Hondebomen-Plan, Witte Bedjes Plan, Witte Togaplan, Witte Wijvenplan, Witte Zuilenplan, Wittetijdsplan, Witte Sirenen-Plan, Witte Scholenplan, Witte Krantenplan, Witte Kunstplan, Witte Kippenplan... (eventl. langsam ausblenden)

SPR-2: In ihrem „Weißen Schornsteinplan“, gedacht als Intitiative gegen die Luftverschmutzung, manifestierte sich ein frühes Umweltbewußtsein, als anderswo in linken Kreisen Naturschutz noch als per se eher rechts galt.

SPR-1: Der „Weiße Hennenplan“ dagegen richtete sich an die Polizei...

SPR-2:...in Holland nennt man sie nicht Bullen...

SPR-1:...Der Schutzmann sollte sich danach in einen weiß gekleideten Sozialarbeiter verwandeln, der den Bürgern auch jederzeit mit praktischen Dingen zu Diensten sein könnte: mit Verbandszeug etwa, aber auch mit Verhütungsmitteln - oder mit einem gebratenen Hähnchen !

SPR-2: Viele Provos trugen dazu weiße Jeans & T-Shirts und zum Repertoire gehörten demonstrative Fußwaschungen -  eine Art Wettbewerb um die weißesten Füße.

Z: „Roel van Duyn hat ein Buch geschrieben, das die Provos als `Die weiße Gefahr´ schildert. Weiß ist eine Nicht-Farbe. Eine Anti-Farbe. Die Farbe der Reinheit, die Farbe der Klöster im Himalaya.

`Weiß - das ist unser Symbol. Der weiße Nebel, wie in den alten Märchen, der etwas Neues entstehen läßt´!“ 8

Musik-4:  „Fahrradgeklingel“

 

 

SPR-1: Am bekanntesten wurde eine andere Öko-Idee, der „„Witte Fietsenplan“ - der „Weiße Fahrräder-Plan“!

Z: „Amsterdamer!
Der Asphaltterror der motorisierten Bourgeoisie hat lange genug gedauert. Täglich werden der neuesten Autorität, der sich das Lumpenvolk ausgeliefert hat, Menschenopfer dargebracht: der Auto-Autorität! Das erstickende Kohlenmonoxid ist sein Weihrauch und tausendfach schändet sein Abbild Grachten und Straßen. Der Provo-Fahrradplan bringt die Befreiung vom Auto-Monster. Provo richtet die weißen Fahrräder als öffentliches Eigentum ein. Die weißen Fahrräder sind niemals abgeschlossen. Die weißen Fahrräder sind das erste kostenlose kollektivierte Verkehrsmittel. Die weißen Fahrräder sind eine Provokation des kapitalistischen Privatbesitzes; denn: Die weißen Fahrräder sind anarchistisch. Die weißen Fahrräder symbolisieren Genügsamkeit und Hygiene gegenüber dem Protzertum und der Verunreinigung der autoritären Autos, denn:
Ein Fahrrad ist was, doch beinahe nichts!“ 9 

 

SPR-1: Und plötzlich tauchten die „Weißen Fahrräder“ überall in der Popkultur auf.

In London z.B. besungen von der Band „Tomorrow“ (des späteren „Yes“-Gitarristen Steve Howe):

Musik-10: TOMORROW „My white Bicycle “ (ab ca. 2:00)

(“...My white Bicycle. Policeman shouts but I don't see him.

They're one Thing I don't believe in. He'll find some Charge but it's not thieving.

My white Bicycle...”)

SPR-1: Oder wenig später in einem Song von “Queen”:

Musik-11: QUEEN “Bicycle Race”  (bis ca. 0:30)

(“...I want to ride my Bicycle. I want to ride it where I like. You say black I say white...”)

SPR-1: Und der Kölner Gruppe BAP soll, eigenen Angaben zufolge, ein weißes Fahrrad ja sogar einmal auf der A 555 – kurz vor Wesseling - begegnet sein – gesteuert von einem fundamentalistischen  Vegetarier und mit schwerwiegenden musikalischen Folgen:

Musik-12: BAP „Müsli-Män“ (daraus ab ca. 1:55)  

(„...Am nächsten Tag wurde es besonders fies, auf der Autobahn. Ein Understatement-Damenfahrrad, weiß, Import aus Amsterdam, stoppt den Bus mit unsrer Anlage drin, kurz vor Wesseling und konfisziert das, was elektrisch ist und läßt uns nur das Tamburin. Klar, wer das war, verrate ich gern: Logo, das war der Müsli Män – die blöde Sau schon wieder...!“)

SPR-2: Ein wesentlicher Charakterzug - bei allem Aktivismus – blieb aber stets: Widerstand leisten durch Entspannung der Verhältnisse!

SPR-1: Die Belesensten unter ihnen konnten da sogar auf einen linken Vordenker verweisen. Paul Lafargue, immerhin der Schwiegersohn von Karl Marx, hatte einst ein Buch geschrieben über „Das Recht auf Faulheit“.

SPR-2: Und dazu passte ein Hit der Beat-Band „Het“:

Z: „Ik heb geen Zin om op te staan (Ich hab keine Lust, aufzustehen)“:

Musix-13: HET „Ik heb geen Zin om op te staan“

(“Het is weer Tijd om op te staan. Maar ik heb geen Zin om naar m'n Baas te gaan. Met m'n blote Voeten op het kouwe Zeil. Ik heb geen Zin om op te staan...“)

SPR-1: Deutschland hinkte der Entwicklung noch ein wenig hinterher. Hier dominierte noch jene hinterlistig schlaffe neue Lebensform, die Jürgen von Manger so eindrücklich beschrieben hat:

Musik-14: JÜRGEN VON MANGER „Das Unwesen (Gammler  im Stadtpark“)(Teil 1)

(„Die saßen auf einer Park im Stadtpark, am hellen, lichten Tag waren sie zugange. Ach, da war vielleicht was los, standen jede Menge Leute drumrum, waren sich das am begucken. Kinder, Hunde, alles mit bei. Also die sahen zuerst mal aus wie Mädchen, die diese künstlichen Berufe am studieren sind, so Malerinnen, Bildhauer. Also alles bißchen fleckig, lange Haare, Nietenhosen und so ganz ausgeleierte Pullover. Aber das Schönste war, zwei von diesen Mädchen waren überhaupt Kerle, also die waren richtig männlichen Geschlechtes...!“)

Z: „Seit neuestem weigern sich die Firmen Aschinger, Woolworth und Wirpa Langhaarige zu bedienen!

Sind Sie Gammler? Setzen Sie sich doch bitte. Freut mich, sie kennenzulernen. Mein Name ist Heinzemann. Internationale Frisurenberatung. Letztes Jahr hatte ich die Welt-Lizenz für die James-Bond-Frisur und dieses Jahr machen wir den Udo-Jürgens-Schnitt!

Sie können aber auch ruhig warten. Bis an allen Restaurants mit gutbürgerlicher Küche ein Schild hängt: `Deutsche wehrt Euch, verkauft nicht an Langhaarige´!“ 10

SPR-1: Und Freddy Quinn schmetterte mit Volkes Stimme und völlig witzlos O-Töne der deutschen Stammtische in die Schlagerhitparade:

Musik-15: FREDDY QUINN „Wir“ (bis ca. 0:30)

(„Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir! Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? Wir!

Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen?   Wir! Wir! Wir!...“)

SPR-2: Die Gammler waren eine ideale Projektionsfläche für bürgerliche Ängste und verdrängte Wünsche:

Z: „All jene Exzesse sollen von ihnen nach der Fama geübt werden, deren sich die Normalverbraucherschaft halb schaudernd, halb bedauernd enthält.

Sie wollen vom Ethos der Arbeit nichts wissen, und das hat ausgereicht, die lautstarke Verachtung derer zu erringen, deren Bewußtsein von Küchenhandtuchparolen wie `Ohne Fleiß kein Preis´ bestimmt wird. Die Worte des ehemaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard, mit denen er ihnen die `Ausrottung´ ankündigte, dürften den Gammlern noch im Ohr klingen. Wenn er auch nicht mehr dazu kam, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, so hat diese Anfeindung von höchster Warte doch ausgereicht, die Gammlerbewegung mit dem Ansatz eines politischen Bewußtseins auszustatten !“ 11

Musik-16: MANGER-Teil 2:

(„Wie ich ankam, waren sie wohl gerade mal nicht tätig, sondern saßen sie nur so da und guckten den Leuten zu, wie die sie anguckten, also, also, wollen mal sagen, gegenseitig waren sie am begucken. Ja, waren sie wohl am ausruhen, von ihrer Gammelei vorher. Aber in so einer gemeinen Weise, daß ich glaube, das ist bei denen direkt ein Prinzip. Auf einmal standen die Drei auf, mit so einem ganz frechen Grinsen im Gesicht, standen sie auf und gingen weg! Jetzt war neben mir ein Herr, der sagte noch so blöd: `Ich weiß gar nicht, was man immer gegen diese Leute hat? Die sind doch ganz harmlos!´ Ich sage, `was sind die? Harmlos? Passen Sie auf, daß sie von mir keine geschmiert kriegen! Haben Sie denn nicht mitgekriegt, was die hier angerichtet haben ? 70, 80 fleißige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft haben die Brüder mit ihrem Faulenzen von der Arbeit abgehalten!´“)

Z: „Der Zulauf zur Gammler-Internationalen hält unvermindert an. Erstaunliche Zahlen werden mittlerweile für Europa gemeldet. Nach einer Überschlagsrechnung der Frankfurter Hefte vom Juni 67 sollen es schon mehr als 100.000 sein, die ihrer Abneigung gegen ihre Umwelt auf diese Weise frönen, davon etwa 7.000 in der Bundesrepublik - allerdings nur 3 in Liechtenstein!“ 12

SPR-1: Doch für einen Politaktivisten konnte passiver Widerstand natürlich auf Dauer nicht genug sein.

Z:  „Ihr Protest ist machtlos, zu schwach, zu unartikuliert, zu unfruchtbar und zu unmethodisch sind die vielen Anti-Haltungen, die sich hier sammeln. Allen gemeinsam ist nur das Unbehagen gegenüber der bürokratisch brillanten, technisch perfekten, nach außen nahtlosen Gesellschaft!“ 13

SPR-1: Doch da tauchten genau zur rechten Zeit plötzlich die Missionare aus Holland auf.

Berichtet wird von diversen Bildungsreisen prominenter deutscher Studentenführer.

Etwa des Berliner Kommunarden Dieter Kunzelmann, der zusammen mit Fritz Teufel später dann die deutsche Spaßguerilla anführte:

Z: “Als zeitgeschichtliches Vorbild dienten uns die aufsehenerregenden Aktionen der Amsterdamer Provos. Rudi Dutschke und ich hatten sie erstmals zu Gesicht bekommen, als wir uns eine Wo­che im Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte aufhielten. Später ergaben sich persönliche Kontakte, wir lasen die Flugblätter und Texte, korrespondierten mit ihnen, ihre Sprecher wurden in SDS­-Gruppen eingeladen und erläuterten Strategie und Taktik des holländischen Aktionismus. Kurzum, die Provo-Bewegung spielte eine erhebliche Rolle!“ 14

SPR-1: Und das zeigte Wirkung.

Z: „Deutlich hebt sich aus der elegisch-schmuddeligen Gammelbewegung allmählich ein politischer Flügel ab, mit Zentrum Frankfurt und der Zeitschrift `Peng´!“ 15

SPR-2: Im November 1966 veranstaltete man ein „Internationales Provo-Konzil“ in Borgharen bei Maastricht. Ein Reporter des WDR-Reporter resümierte:

Z: “Die Provos haben Ideen, die Anerkennung verdienen, aber sicher die falsche Art, sie populär machen zu wollen. Waschen, Haareschneiden, Arbeiten. So einfach sollte man es sich allerdings nicht machen mit diesen jungen Leuten!” 16

SPR-1: Ein befremdlicher Aspekt der Provo-Ideologie dürfte so manchem „Gaulloise“-Marxisten hierzulande allerdings kaum gefallen haben.

Robert Jasper Grootveld war militanter Nichtraucher!

Er zog durch die Straßen und versah die Zigarettenreklamen mit ebenjenen Warnhinweisen, die heute von Rechts wegen auf jeder Packung prangen: „Rauchen macht Krebs“ oder „Rauchen ist tödlich“!

Und seine Happenings veranstaltete er nicht zufällig an jenem Denkmal, das die Tabakindustrie gestiftet hatte. Daneben weihte er eine alte Garage um in einen „Anti-Nikotin-Tempel“, wo er den Rauchergeist „Nico-Lord“ austrieb durch Predigten und dadurch, daß er zusammen mit dem Publikum inbrünstig den „Uche-Uche-Raucherhusten-Song“ anstimmte:

Musik-17: Grootveld-„Antiraucherpredigt“

 

&

 

Musik-3:

„Uche-Uche (Raucherhustensong)“

Z: „…nach dem 1. Weltkrieg ist das Rauchen furchtbar populär geworden. Es ist die größte Industrie, sie hat die größten Anzeige in den Zeitungen. Ich habe gegen die Reklame agiert. Ich habe gesagt, die Öffentlichkeit wird verführt durch Hypnose. Das Unterbewußtsein wird bespielt mit falschen Bildern... mit Jungsein, mit Schicksein, mit teuren Autos...!“

SPR-2: Doch hatte die orthodox-marxistische Linke an den...

Z: „...roten Kerle mit einer Neigung zu schwarzer Magie...“ 17

SPR-2: ...auch sonst gesinnungstechnisch zunehmend einiges auszusetzen:

Z: „Sie durchbrechen Rituale, provozieren mit Aktionen Autoritäten, machen Pläne, die allerdings nie realisiert, geschweige denn durchgekämpft werden. Nicht Analyse der ökonomisch-politischen Zustände, sondern ethisch-ästhetische Impulse. In der Tat haben die Provos die Frage `Wie sollen die bestehenden Machtverhältnisse zum Einsturz gebracht werden?´ nicht reflektiert!“ 17

SPR-1: 1. Juni 1966 - Kommunalwahlen im Amsterdam!

Anderntags auf den Titelseiten:

Z: Provo-Partei erhielt 13.105 Stimmen ! Ein Provo im Stadtrat !“

SPR-1: Bernard de Vries, 25, Literaturstudent.

Z: „Bernard hat sich als grimmiger Debattenredner erwiesen. Seine erste Amtshandlung war eine flammende Rede!“

SPR-1: So berichtet Hans Tuynman in seiner Autobiographie „Ich bin ein Provo“.18

SPR-2: Doch dieser Erfolg war, wie immer wenn eine außerparlamentarische Opposition sich in ein etabliertes Parlament begibt, zweischneidig.

SPR-1: Außerdem war ihre Popularität soweit gewachsen, daß sie von Reisebüros bereits als Sehenswürdigkeit gehandelt wurden.

Z: “The Provos of Amsterdam have replaced Windmills, Tulips and wooden Shoes as the leading tourist stereotype of Dutch Life!” 19

SPR-2: Am Ende zog man selbst die Konsequenz aus dem nachlassenden anarchischen Elan und einen offiziellen Schlußstrich.

Am 13. Mai 1967 begab man sich zur feierlichen Beerdigung der Bewegung in den Vondelpark.

SPR-1: Die politisch Radikaleren gingen in die Studentenbewegung, die eher esoterisch Angehauchten wurden Hippies.

Als Nachfolgeorganisation gab es die „Kabouterbeweging“...

SPR-2: ...Kabouter heißt Kobold...

SPR-1: ...und die machte bald Schlagzeilen durch Hausbesetzungen und führte ein modernisiertes Provotariat in die 70er. Roel van Duyn selbst gehörte zu ihren Gründern, ebenso wie zu den ersten holländischen “Grünen”.

Musik-3+4: „Uche-Uche“ & „Fahrradgeklingel“

 

SPR-2: 1966 prophezeite der amerikanische Underground-Poet Kenneth Rexroth in der Weihnachtsausgabe des „San Francisco Magazine“:

Z: „Es ist die Gesellschaft des technologischen Zeitalters, in welchem die nackte Ausbeutung von Arbeitskraft nicht mehr nötig und in welcher der Mensch nicht mehr länger des Menschen Wolf sein wird. Die Provos sind einfach schon einmal vorausmarschiert in diese neue Welt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Und im Jahr 2000, da  werden wir alle darin leben – oder aber, wir werden alle tot sein !“ 20

 

SPR-1: Nun, Kenneth Rexroth ist tatsächlich tot, wir aber leben noch, doch - sieht man einmal vom Rauchverbot ab – sicher nicht in „Provotopia“.

 

SPR-2: Andererseits hätte sich ihn ein Provo von damals wohl noch nicht einmal in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen können, den Kommerz-Irrsinn von heute !!!

 

SPR-1: Und Klaas? Der ist immer noch nicht da!

Stattdessen haben wir einen  Weihnachtsmann - in den Firmenfarben von Coca-Cola!

 

 

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SWR-"Dschungel"

am 21.11.07

                                                  ZÜRI BRÄNNT !

                     jugendrevolte zwischen fränkli & zwingli

                                                 (von Lutz Neitzert)

 

Musik 1: "Züri brännt" - TNT

ZITATOR 1: "Daß Du sie duldest, die Fässer voll Brennstoff, Biedermann!? /

Wissend auch Du, wie brennbar die Welt ist, Biedermann! /

Bis es zum Löschen zu spät ist, Biedermann!" 1

SPRECHER: Max Frisch "Biedermann und die Brandstifter" 1. Akt / 3. Szene.

Musik 2: "L'Admiral cherche une Maison à louer" - Huelsenbeck/Tzara/Janco (ab ca. 1:05 ; reichl. frei stehen lassen)

SPRECHER: In Zürich, "Spiegelgasse 1", eröffnete am 5. Februar 1916 das "Cabaret Voltaire" seine Türen und den Blick in ein Panoptikum aus sarkastischem Nonsens.

Z 1: "In einem kunterbunten, überfüllten Lokal sind einige wunderliche Phantasten auf der Bühne zu sehen. Wir vollführen einen Höllenlärm. Das Publikum um uns schreit, lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wir antworten mit Liebesseufzern, mit Rülpsern, mit Gedichten, mit `Muh, Muh´ und `Miau, Miau´. Tristan Tzara läßt sein Hinterteil hüpfen wie den Bauch einer orientalischen Tänzerin, Marcel Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Emmy  Hennings mit einem Madonnengesicht versucht Spagat. Richard Huelsenbeck schlägt unaufhörlich die Kesselpauke, während Hugo Ball, kreideweiß wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet. Einige Leute merkten auf, einige waren verunsichert, andere begeistert. Man verstand Dada als eine sinnlose Sache mit ernster Miene - oder vielleicht umgekehrt!?" 2

SPR.: Hans Arp, einer der Dada-Häuptlinge, berichtete von der Premiere:

SPR:  Während an den europäischen Fronten nationalistische Gemetzel tobten, fand sich hier, in der neutralen Schweiz, eine jugendliche Multikultitruppe zusammen im Kampf gegen Militarismus und Kapitalismus, gegen das hohle Pathos in Kunst und Politik, gegen alle Biedermänner dieser Erde und gegen die Vertreter bildungsbürgerlich-versnobter Hochkultur.

Z 1: Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird. Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht...! "3

SPR.:  "Ein Dadaistisches Manifest! Von Richard Huelsenbeck!

ZITATOR 2:Dada bedeutet nichts! Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern! /

Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind! /

A-B-C-1-2-3 - niederschmettern! Nervös werden! /

Wir fanden Dada, wir sind Dada und wir haben Dada! /

Dada ist die Sonne, Dada ist das Ei, Dada ist die Polizei der Polizei! " 

SPR.: Doch das kurze Gastspiel der Anarchie im Land der Eidgenossen endete schon nach ein paar Jahren. Der Dadaismus schrieb seine nächsten Kapitel andernorts. Tzara ging nach Paris und in den spanischen Bürgerkrieg, Arp verschlug es nach Köln, Huelsenbeck nach Berlin, Janco emigrierte als Jude in dunkler Zeit nach Israel...

SPR: ...nur Hugo Ball blieb in der Schweiz, heiratete Emmy Hennings und wurde katholisch.

Z 2:  "Schon bevor Dada da war, war Dada da!"...(im “Megaphon-Sound“)

SPR.: ...hatte es geheißen. Aber auch als Dada dann weg war, blieb Dada da -

und wurde zum historischen Vorbild und kreativen Bezugspunkt aller nachfolgenden Zürcher  Bürgerschrecks.

Musik 1 (noch einmal kurz)

SPR: Zur selben Zeit sinnierte der Soziologe Max Weber über...

Z 1: ..."Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus"...

SPR: ...über die ursächlichen Zusammenhänge zwischen geistlicher Reformation und Raffgier. Und wo, wenn nicht in Zürich, der "Zwingli-Stadt",  hätte er die schlagendsten Beweise für seine These finden können?

Z 1: „Die puritanische Lebensauffassung stand an der Wiege des modernen Wirtschaftsmenschen!" 4

SPR.: Arbeiten ist frommes Tun, Reichtum demzufolge Gotteslohn und Ordnung (mindestens) das halbe Leben! 

SPR: Huldrych Zwingli hatte es dereinst lakonisch auf den Punkt gebracht:

Z 1: "Die Arbeit ist ein gut göttlich Ding!"

Musik 1: (nochmal ganz kurz) "Züri brännt" – TNT

Z 2: "Ah! Fuck Zwingli !" 

SPR.: Notabene! Der prominenteste Nachbar der Dadaisten in der Spiegelgasse - und mutmaßlicher Stammgast im "Cabaret Voltaire" - der schmiedete zu jener Zeit gerade einen weltverändernden Umsturzplan und bestieg schließlich den Zug nach Sankt Petersburg:

SPRECHER: Wladimir Iljitsch Lenin! 

Musik 3: "Street Fighting Man" - ROLLING STONES (ab ca. 1’00” “The time is right … for revolution…)

SPR.: 50 Jahre und ein weiterer Weltkrieg sollten vergehen bis zum ersten Revival, bis erneut eine junge Generation sich zu Wort meldete.

SPR: Am 14. April 1967 spielten die Rolling Stones in Zürich.

SPR.: Wie in Berkley, Paris oder Berlin ist auch die erste Schweizer Jugendbewegung nach 1945 eine Studentenbewegung gewesen. Angehende Soziologen und Politologen waren die Wort- und Rädelsführer, ihre Kampftruppe nannten sie "FASS"...

Z 1: ..."Fortschrittliche Arbeiter, Schüler und Studenten"...

SPR.: ...und die erste Undergroundzeitung - herausgegeben von einem Aktivisten mit dem unheilschwangeren Namen Max Messerli - hieß wie ein Song der Beatles:

MUSIK 4: "Piggies" - BEATLES (ab Anfang – zuerst die entspr. Zeilen in der Musik, dann Z 1 auf Musik)

Z 1: "`Have you seen the little Piggies in their starched white Shirts´ - `Hast du die kleinen Schweine gesehen, in ihren gestärkten, weißen Hemden?!´"

MUSIK 4: "Piggies" – BEATLES (ev. raus b. 1’30”)

SPR: Konzertrandale bei den Stones und wenig später bei einem Auftritt von Jimi Hendrix waren das Vorspiel, ehe es ein Jahr später, 1968, richtig losgehen sollte.

O-TON 1 (aus einer Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens) (Dauer 1:05 Min.)

"Zürich, Ende Juni. Jugendliche demonstrierten vor dem Globus-Provisorium gegen den Entscheid des Zürcher Stadtrates, das unbenützte Warenhausprovisorium nicht der Jugend als autonomes Zentrum zu überlassen, sondern anderweitig zu vermieten.

Z 2:  "Aufruf des Aktionskomitees `Autonomes Jugendhaus´!

Treffpunkt: Samstag, den 29. Juni, um 19:00 Uhr vor dem Globus-Provisorium

Unbedingt mitbringen: Latten, Stangen, Bretter, Nägel, Hämmer usw."

O-TON 1 (aus einer Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens, weiter)

Die harmlos begonnene Demonstration endete letztlich blutig. Zürich erlebte die ersten Straßenschlachten seit Jahrzehnten.

SPR: Zunächst war die Obrigkeit ratlos und der ein oder andere Schutzmann schien doch ein wenig überfordert.

O-TON 1 (aus einer Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens, weiter)

Einerseits wurde mit Pflastersteinen und Bierflaschen argumentiert, andererseits oft unmotiviert drauflosgeprügelt. Bilanz dieser Krawalle: eine gerichtliche Untersuchung gegen fehlbare Polizisten und Demonstranten, parlamentarische Debatten auf kommunaler und kantonaler Ebene und eine gesamtschweizerische Diskussion über die tieferen Ursachen dieser Ereignisse!"

(o.c.: SPR .: In einer musikalischen Reminiszenz läßt Erika Stucky in ihrer Version des Hendrix-Klassikers "If 6 was 9" im O-Ton einen der netteren Gendarmen von damals zu Wort kommen:

Musik 5: "If 6 was 9" - Erika STUCKY (ab ca. 1:50)

(" Räumet Sie's bitzli den Platz! Bitte Sie, vernünftig si...")

SPR: Doch im Laufe jenes Abends verschärfte die Polizei plötzlich ihre Gangart. )

Als die Demonstranten den Glasfassaden der Bankhochhäuser bedrohlich nahe rückten, orderte man Verstärkung und befahl schließlich den Einsatz von Wasserwerfern.

SPR.:  Seither ist Zürich in der Schweiz bekannt für eine kompromisslose Law & Order-Politik.

SPR: Und nicht zuletzt deshalb finden sich gerade hier, zwischen Fränkli und Zwingli, ein idealer Humus und jederzeit gute Gründe für jugendlichen Protest.

SPR.: Ein weiteres Aktionsfeld bot sich, als ein Justizskandal Schlagzeilen machte:

SPR: Der Fall "MEIER 19"!

SPR.: Gerade zum "Detektivwachtmeister" befördert, deckte (der kleine Beamte) Kurt Meier...

SPR: ...in der polizeiinternen Nomenklatura eben der Meier mit der Nummer 19...

SPR.: ...Unrechtmäßigkeiten in seiner Dienststelle auf. Milde behandelte prominente Verkehrssünder und sogar einen Diebstahl von Lohngeldern. Daraufhin schlugen seine Vorgesetzten zurück, er wurde wegen "Amtsgeheimnisverrat" verurteilt und in den eigenen Reihen als Nestbeschmutzer diffamiert.

SPR: Und damit erklärten ihn die linken Studenten zu ihrem "Kronzeugen im Klassenkampf". Kundgebungen wurden organisiert gegen die...

Z 1: "...korrupten Polizeichefs und ihre sauberen Freunde"...

SPR: ...und in Polizeihelmen aus einem Kostümverleih sammelte man Gelder zur Begleichung seiner Strafe.

SPR.: Sogar der "Spiegel" titelte damals:

Z 1: "Meier 19 und der Ausbruch der Weltjugend-Revolte im Rütli-Land!"

SPR.: Doch der Elan der Schweizer 68er hielt nicht lange und es vergingen zwölf Jahre bis zum nächsten Aufruhr.

Z 1: "Ein Experiment, allein diese Bezeichnung programmiert - hierzulande - Scheitern, wird abgewürgt - zurück zum reibungslosen Geschäftsablauf - dies gehört zu den Spielregeln der Politik. Und wer aufklärt, wer dagegen rebelliert, mit untauglichen Mitteln oft - Pflastersteine treffen nur spiegelnde Symbole, nur Oberflächen und nicht den Nerv, wird verhetzt, verleumdet, eingestaucht, kriminalisiert. Und man setzt alles daran, damit das Bild der gewalttätigen Jugend ja weiter dominiert.  Allein schon Bewußtsein gilt als subversiv!"8

SPR: Der Schriftsteller Reto Hänny wurde zum Augenzeugen und Chronisten der 80er-Bewegung - als es wieder darum ging, sich Freiräume zu erobern.

Z 1: "Im Morgen-Grauen fuhr viel Polizei vor, in wie großer Zahl, tatsächlich, wird wohl nie zu erfahren sein, zur üblichen kriegsmäßigen Ausrüstung hinzu kamen diesmal Hunde, das Gebäude wurde umstellt, um 5.15 Uhr drang man ins Autonome Jugendzentrum ein; der Auftrag: eine Razzia..."

Musik 6: "Razzia" - TNT

Z 1: "...Ein vorwarnungsloser Angriff; in die Menge gefeuerte Gummigeschoßsalven; vorpreschende Grenadiere, zurück wenn möglich mit Beute im Arm, einzeln übers Pflaster geschleift - warum besonders unsanft grad immer wieder Mädchen? - fragte man sich unwillkürlich.

Schwaden ätzenden Gases, sich im Windschatten in den Häuserschluchten

festsetzend, Nebel bildend, so, als sollte da ein tollwutverseuchter Fuchsbau ausgeräuchert werden

- Chloracetophenon(CN) o-Chlorbenzyliden-malodinitril (CS)!..."

Z 2: "...Mit Fäusten und Fußtritten und durch die Luft pfeifenden Gummiknüppeln wurde über einen eingedroschen. Ein besonders heftiger Schlag mit dem Knüppel trifft mich hinter dem linken Ohr; im Eck kauernd, wird mir schwarz - ich werde in einen Ford Transit geknebelt..."

Z 1: "...Herr K., lebte er heute, würde sich nicht weniger ängstigen als damals!" 9

SPR: Und auch dieses Mal ist ein Generationenkonflikt eingeläutet worden durch Musik.  Im Herbst 1979 spielte die deutsche Anarcho-Politband "Schroeder Roadshow" in der Stadt:

Musik 7: "Die Bullen schlagen wieder zu" SCHROEDER ROADSHOW

                                         (daraus die Anmoderation)

("Noch ein Oldie. Aber diesmal nicht aus Nostalgie heraus, sondern aus bitterer Wahrheit. Dieser Oldie ist von uns. Wir haben's einige Zeit nicht im Programm gehabt, weil wir so blöd waren, zu glauben, irgendwann stimmt das Stück nicht mehr. Aber es stimmt leider immer noch, deshalb müssen wir es auch wieder spielen. Und es heißt: `Die Bullen schlagen wieder zu..")

SPR.: Zum Showdown kam es dann am 30. Mai 1980 im Dunstkreis der musikalischen Gegenwelt.

Wieder mal sollten die Belange der Jugend denen der Etablierten geopfert werden.

SPR: Der Operndirektor erinnert sich:

Musik 11: "Ah! Non credea mirarti" (aus "La Sonnambula" von Bellini) (Maria Callas) (ab ca. 5:10; nur kurz, wie Zitat einsetzen)

Z 1: "Ich weiss noch, dass an jenem Abend `La Sonnambula´ von Vincenzo Bellini gespielt wurde. Als ich ins Opernhaus hineinging, sah ich, dass sich im Chorsaal rund dreissig Polizisten aufhielten, die Kampfanzüge und Helme anzogen und Schutzschilde fassten. Sofort erkundigte ich mich, was das solle. Mir wurde gesagt, es sei eine Kundgebung von Jugendlichen angekündigt, die gegen den Opernhauskredit demonstrieren wollten und sich versammelten. Ich schickte einige Mitarbeiter hin, die sich nach den Plänen der Jugendlichen erkundigen sollten. Die Demonstranten hatten vor, zum Opernhaus zu kommen und das Publikum am Eintreten zu hindern. Sie forderten damals Raum in der Roten Fabrik, wo wir Proberäume hatten und Bühnenbilder lagerten. Zudem sollte eine Woche später über einen Kredit von mehr als 60 Millionen Franken für den Opernhausumbau abgestimmt werden. Das passte den Jugendlichen nicht; ich bin aber überzeugt davon, dass sie an diesem 30. Mai nicht in erster Linie vors Opernhaus kamen, um die Opernkunst zu stören. Sie wollten einfach auf sich und ihre Anliegen aufmerksam machen...

O-Ton 2 ("Opernhauskrawall")(Dauer 0:55 Min.)

("D'Schmier kommt...")

Musik 8: "Die Bullen schlagen wieder zu" SCHROEDER ROADSHOW (ab ca. 2:45-3’05“) ("Wohin ich auch geh und was ich auch tu, die Bullen schlagen wieder zu...!")  //  Musik 12: "Get up, stand up" - BOB MARLEY (von Anfang bis ca. 34” “… don’t give up the fight”)
SPR: Knapp 200 Jugendliche versammelten sich vor der Oper, doch erst als dann am späteren Abend plötzlich und unerwartet die Zuhörer eines nebenan gerade zuende gegangenen Bob Marley-Konzerts, noch süßlich umwölkt und offenbar befeuert von jamaikanischen Revolutionsliedern, dazustießen, da entstand aus dem bunten Auflauf eine kritische Masse.

Z 1: Am Tag der Abstimmung über den Umbaukredit war die Premiere von `Tristan und Isolde´. Wir konnten dem Publikum schon vor der Vorstellung mitteilen, dass wir gewonnen hatten. Im Stillen dachten wir, dass wohl nicht so viele Stimmberechtigte an die Urne gegangen wären, wenn es die Krawalle nicht gegeben hätte; die Auseinandersetzungen haben unserer Sache gedient!" 12

O-TON 3 (Schüsse während einer Demo)

SPR.: Die backstein-optisch - und ideologisch - Rote Fabrik am Ufer des Zürichsees wurde zum Parlament und zur Kommandozentrale der Bewegung. Hier trafen sich der "Kommunistische Jugendverband", die "Jungsozialisten", die "Freaks am Friitig" und die Punks von "Rock als Revolte" - während Tür an Tür das Ensemble der Oper versuchte, zu proben.

ev. Musik 13: "Wilhelm Tell Ouverture" (Rossini) THE PORTSMOUTH SINFONIA (ab ca. 0’43” kurz, ca. 15“-20“, frei stehen lassen, wie Zitat)

SPR.: Im Herbst 1979 gründete sich die Organisation "RAR (Rock als Revolte)", die zudem einen brandneuen Soundtrack aus England importierte:

SPR: ...den Punk!

Musik 9: "Züri Punx" - SPERMA (ab ca. 0:10) 

SPR.: Das Szenevideo "Züri brännt", das bald auch in deutschen Kinos gezeigt wurde und das die Schweiz zum Vorbild für hiesige Chaostage werden ließ, dokumentierte die Ereignisse, die am Opernhaus ihren Anfang genommen hatten, parteiisch aus der Sicht der Jugendlichen. „Züri brännt“ beginnt mit einer auch literarisch eindrücklichen Zustandsbeschreibung:

Z 2: "Modern, viereckig, grau und in Ordnung sind auch die von plastifizierten Hollywoodmonstern belebten Kinderspielplätze, in Ordnung ist überhaupt alles, was glatt, kahl und sauber ist. Andächtige Monotonie von Beamtenschritten in den öden Gängen der Registraturbehörden, riesige planierte Flächen vor den Einkaufszentren, so leer und wunschlos wie die Köpfe der Familienväter am Sonntag. Doch unten, wo der Verputz zu bröckeln beginnt, wo verschämte Rinnsale Kleenex-sauberer Menschenärsche zu stinkenden Kloaken zusammenfließen, da leben die Ratten, wild wuchernd und fröhlich, schon lange. Sie sprechen eine neue Sprache, und wenn diese Sprache durchbricht, ans Tageslicht stößt, wird gesagt nicht mehr Getan sein, und alle Traumtänzer werden zusammenströmen zur Verbrennung der Väter..." 10

Musik 10: "U (angry Side)" – KLEENEX

Z 2: "...Der wühlende Stachel des Punk, Wände erzittern, Nachbarn werden aus den Betten vibriert, wilde Feste werden gefeiert und dem durchschnittlichen Straßenbahnbenutzer zieht es das Arschloch zusammen und sein Gesicht erstarrt zur säuerlichen Grimasse, wenn das erste gemeine Gitarrenriff dröhnt. Das ist sie, die Ouvertüre zu einer neuen Oper!" 10

SPR: Und die spitzesten Stacheln des Punk, das waren die Gruppen TNT, die schon 1979 prognostiziert hatte, daß "Züri" demnächst "bränne würd", Sperma mit ihrer Hymne "Züri Punx", Dieter Meier, der später mit dem Kunstpop-Duo Yello Karriere machen sollte, und stilbildend vor allem die Mädchencombo Kleenex...

SPR.: ...die sich nach einer Klage ihres Namensvetters aus der Industrie bald in Liliput umbenennen mußte...

SPR: ...und an deren Beispiel der Pop-Philosoph Greil Marcus in seinem Buch "Lipstick Traces" eine naheliegende Verbindung herstellte...

Z 1: "Kleenex... Liliput... Punk ist `wie Dada´, das sagten alle. Alle möglichen Leute hatten diesen Zusammenhang hergestellt und ziemlich bald führte mich das zum Dada-Gründungsort, nach Zürich...!" 11

Musik 14: "Rat Race" - BOB MARLEY  (ab ca. 0:15, “… this is the rat race…”)

Z 2: "Geld manifestiert sich in Höhe und sterilen Glasfassaden. Macht blinzelt im starren Rhythmus vom Rot-Gelb-Grün der Verkehrsampeln. Zürich City - für motorisierte Alleskäufer. Und unsere Eltern krabbeln emsig und tüchtig wie die Ameisen, kurzsichtig und stur wie die Maulwürfe an der Erfolgsleiter herum..!" 13

SPR: "Rat Race" - humor- und atemlos im "Rattenrennen" in Diensten der finsteren "Gnome von Zürich", der Banker und Bosse, so sah man die ältere Generation.

SPR.: Wenige Tage nach den Opernkrawallen zeigten Ethnologiestudenten einen selbst gedrehten Dokumentarfilm.

Die Studenten entdeckten den Videofilm als ein ebenso preiswertes wie wirkungsvolles Medium zur Schaffung einer Gegenöffentlichkeit.

Der amtierende Erziehungsdirektor, ein, gelinde gesagt, eher konservativer Herr namens Alfred Gilgen...

Z 2: ... "Kahlfred Galgen"...

SPR.: ...schritt sofort ein, verbot den Film, untersagte die weitere Arbeit und kündigte dem verantwortlichen Dozenten, Heinz Nigg, den Lehrauftrag.

SPR: Bezeichnend, daß es dieses Mal eben nicht, wie 68, theoriegestählte Politologen gewesen sind, die als studentische Fraktion auftraten, sondern "Völkerkundler", welche sich zuerst  als Beobachter und dann als engagierte Mitläufer von den Eruptionen der Irokesen- und Rattenträger begeistern und mitreissen ließen.

SPR.: Jene für den frühen Punk typische anti-intellektuelle Grundhaltung richtete sich übrigens auch gegen den pazifistisch-grünalternativen "Müsli-Man":

Z 2: "...weil sich nur etwas ändert, wenn die Sache mit den boshaften Tritten fortgesetzt wird. Veränderung heißt täglicher Widerstand, liebes Biogemüse. Nichts gegen Biogemüse !" 15  

Musik 16: "You (friendly Side)" - KLEENEX

SPR: Wichtig war die mediale Vernetzung und Selbstdarstellung der Szene - etwa in Zeitschriften wie der "Eisbrecher", das "Brächise", der "Nachtanzeiger" oder das "Stilett".

SPR.: Und wie Konfetti flogen erneut dadaistische Slogans durch die Schweizer Luft:

Z 2: ( im Megaphon-Sound)

"Freiheit für Grönland - nieder mit dem Packeis! /

Macht aus dem Staat Gurkensalat! /

Wir kommen manchmal wie gerufen! Wir kommen oft, ohne daß man uns ruft! /

Messer für den Pneu - Zucker für den Tank! /

Mit Kanonen auf Dada !"

O-TON 4 ("Radio Banana") (Dauer 0:55 Min.)

("Noch ein paar Infos: ...Am 30. Mai gibt's eine Opernhaus-Aktion... und wir werden die ersten sein, die darüber berichten...!")

SPR. (auf O-Ton bei ca. 18“): Ein wichtiges Kommunikationsmedium waren "Piratensender" wie "Radio Banana".

SPR.: Ein von der Öffentlichkeit vielbeachteter Nebenschauplatz war der Kampf um das "Radio 24". Ein gewisser Roger Schawinski...

SPR: ...in einem späteren Leben verantwortlich für das Programm von SAT1...

SPR.: ...schuf am Rande der Legalität - nach Vorbild von SWF3 - den erste Schweizer Popsender. Und obgleich für die meisten Punks viel zu mainstream-orientiert, verteidigte man die Station gegen die Angriffe des etablierten eidgenössischen Hörfunks.

SPR: Aber es gab auch völlig neue Arten des Protestes - z.B. aus der Dose!

SPR.: Des nachts schlich ein bald schon in ganz Europa bekanntes Phantom durch die dunklen Gassen und anderntags ärgerten sich die Bürger über seine Schmierereien und riefen die Schmier -

bis er seiner Verhaftung nur durch Flucht außer Landes entgehen konnte.

SPR: Harald Nägeli - Der Sprayer von Zürich!

Z 1: "Ich bin Schweizer Staatsbürger, leider, und die Auseinandersetzung mit der Schweiz bedeutet eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Meine Zeichen waren ein erster stummer Aufschrei. Und ich glaube, dass der Aufschrei der Jugend in der Schweiz ebenfalls die Äußerung eines tiefsitzenden Unbehagens gegenüber dieser gesellschaftlichen und politischen Situation war. Und ebenso wie die Jugendrevolte zusammengeknüppelt wurde, sind alle meine Graffitis ausgelöscht worden!" 17

SPR.: Und da die Medien eine ganz entscheidende Rolle in den Auseinandersetzungen spielten, war man stets auf der Suche nach spektakulären Bildern.

SPR: Auf der Limmatstrasse errichtete man eine Barrikade aus flimmernden Fernsehern und über eine "Nacktdemo" wurde in aller Welt berichtet.  

Atmos (Kuhglocken)

SPR.: Zu den erlaubten Brandstiftungen in Zürich gehört seit eh und je das sogenannte "Sechseläuten". In einem Festakt wird von alpenländisch-folkloristisch legitimierten Pyromanen der Winter ausgetrieben und zum Schluß auf einem Scheiterhaufen den Flammen übergeben. Und auch dieses touristische Großereignis machten die Jugendlichen zur Bühne für ein Happening - bis die Polizei kam.

SPR: Aber es wurde nicht nur - mehr oder weniger originell - randaliert, sondern daneben endlos debattiert, auch immer wieder kontrovers über das angemessene und vertretbare Maß an Gewalt.

SPR.: Denn Zürich brannte damals tatsächlich. Es gab Brandanschläge auf Geschäfte und auf Häuser und Autos von Politikern und Staatsanwälten - und im März 1982 wurde durch eine Rauchbombe die Züricher Börse lahmgelegt.

SPR: An den fast täglichen Versammlungen und Vollversammlungen nahmen schließlich auch die Lieblingsfeinde der Bewegung teil...

SPR.: ...der Stadtpräsident Sigmund Widmer

Z 1: ..."Ich esse gerne pünktlich!"...18

SPR.: ... die Stadträtin Emilie Lieberherr...

Z 1: "Ich will doch nur das Beste!"... 18

SPR.: ...oder der Stadtrat Max Koller:

Z 1: "Was wir nicht wollen, das sind diese amöbenhaften Gruppen!" 19

O-TON 5 (aus einer "Vollversammlung") (Anfang bis 23“)

("...Jetzt hat es am letzten Wochenende Krawall gegeben und plötzlich kommt der Stadtrat."!)

SPR: Jedem Schweizer in Erinnerung sind auch zwei tumultuöse Fernsehsendungen. In der ersten sprengten seifenblasende Aktivisten eine Diskussionsrunde und in einer zweiten trat als Vertreter der Jugendbewegung ein "Ehepaar Müller" auf...

SPR.: ...er hieß übrigens im wahren Leben "Meyer"...

SPR: ... spießbürgerlich-gekleidet schlugen sie sich im Laufe der Talkshow plötzlich auf die Gegenseite, forderten den Einsatz der Armee und von Napalm und stürzten so den Moderator, die anwesenden Honoratioren und das Publikum in heillose Verwirrung.

SPR.: Im Ausland rieb man sich unterdessen verwundert die Augen - z.B. im amerikanischen Fernsehen:

O-TON 6 (CBS-Sendung) (Dauer 0:35 Min.)

("What's wrong with Switzerland? Even the Swiss themselves admit their country as boring... Why? It has the highest standard of living in the world, practically no unemployement, very little crime and a lot of great scenery. So, with all that on the plus-side, what's so bad about a little boredom? What's wrong with Switzerland?")

SPR (in O-Ton einbauen): Was, bitteschön, soll so schlimm sein an ein wenig Langeweile - in einem so schönen Land?!

SPR.: Und nach diesen einleitenden Worten wird dann gezeigt, wie Jugendliche ein CBS-Kamerateam kidnappen, mit Ketchup anmalen und an einen Marterpfahl binden!

SPR: Das eigentliche Anliegen, der Kampf um ein Autonomes Jugendzentrum, mündete in einer endlosen Abfolge von Teilerfolgen und Rückschlägen, Parties und Razzien, Stadtratsbeschlüssen und Drogenexzessen.

SPR.: Und Letzteres lieferte schließlich den Vorwand für die endgültige Schließung und schließlich den Abriß.

Z 2: "Was alle bereits mit Schrecken erwartet haben, ist eingetroffen: Ein paar windige Vorwände genügen, um die Schließung des AJZ zu rechtfertigen. Unsere Anarchie, wie immer chaotisch, organisationsfeindlich und naiv, wird von der Staatsgewalt planiert, zertreten und mit Stacheldraht eingezäunt. Die Bewegung liegt in den letzten Zügen. Ein langer, arschkalter Winter steht vor der Türe!" 21

SPR: Heute befindet sich dort, wo das AJZ war, ein Parkplatz für Touristenbusse.

SPR.: Das furchtbarste Ereignis fiel in die Adventszeit.

SPR:  "Ich zünd mich an !

Im AJZ fühlte ich mich wohl - ich konnte mit Leuten reden, es ging mir besser, bis die Bullen Tränengas ins Haus schmissen. Ich glaubte zu ersticken. Ich dachte, jetzt ist es wirklich aus. Seitdem habe ich Horrorträume, auch am Tag. Wenn ich's nicht mehr checke, wenn's für mich nicht mehr weiter geht, dann bring ich mich um. Ich zünd mich an, mit Benzin - auf dem Bellevue, damit alle sehen, wie beschissen es einem Menschen in dieser Gesellschaft gehen kann." 

SPR.: Am 12. Dezember 1980 verbrannte vor den Augen der Weihnachtseinkäufer Silvia Zimmermann - im Alter von 23 Jahren!

Musik 1: (noch einmal kurz anspielen) "Züri brännt" - TNT

SPR: Gleich mehrmals ist Zürich eine Probebühne gewesen für den internationalen Jugendprotest und Testgebiet für neue Formen zivilen Ungehorsams - ehe es jeweils von den Ereignissen in den größeren Metropolen überschattet wurde.

SPR.: Ende der 70er hatte man noch geklagt über eine vermeintlich unpolitisch-angepasste Jugend:

Z 1: "Die Schlaffis kommen!"

SPR: ...titelte der etwa der "Stern" - bevor ihn kurz darauf die realen Ereignisse in Zürich ad absurdum führten.

SPR.: Und heute?

SPR: Die "Globalisierungsgegner" treffen sich alljährlich in der Stadt zu ihrem "Anti-Davos"-Forum.

SPR.: Und, wer weiß, vielleicht kokelt es ja schon wieder -

SPR: Eine neue Coverversion jenes alten Punk-Hits jedenfalls, die gibt es schon:

Musik 17: "Züri brännt" - MONSTERS

 

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