Ein Schüsselerlebnis
Helmut Krämer
Ei – was ist – was ist denn ? Ach so, es
ist schon Morgen ! Im Halbdunkel unseres Zimmers bewegt sich meine bessere
Hälfte schattenhaft in Richtung „Nasszelle".
OK, dann kann ich noch eine Weile unter
der Schlafhaut dösen.
Wenn dann aber nach einiger Zeit die Brause
rauscht, ist die „Frühschicht" im Bad bald zu Ende.
Es heißt nicht von ungefähr
in einem alten Schlager: „Wasser ist zum Waschen da......."Auch für
meinen halbausgeschlafenen Körper ist noch genug von diesem Wundermittel
übrig.
Die erste Tasse Kaffee sorgt dafür,
daß die Lebensgeister endgültig den neuen Tag akzeptieren.
Zeit, den Tagesplan für diesen Urlaubstag
zu machen. Fahrt nach ......, Wanderung über .....nach....... und
zurück ??? Wie wird das Wetter, welche Bekleidung ist angemessen?
Wir entscheiden uns für eine kurze
Busfahrt zu dem Ausgangspunkt für einen mehrstündigen Marsch
durch die herrlich blühende Natur, vorbei an kleinen Bächen in
dieser wasser- und waldreichen Gegend.
Aus dem Tal steigen die letzten Morgennebel
hoch und geben bald den Blick auf einen postkartenblauen Himmel frei. Nur
wenige Wölkchen sind zu sehen und das verheißt gutes Wanderwetter
für diesen Tag.
Steil geht es bergan. Bald hat der Bus
den Endhaltepunkt erreicht. Unsere Wanderung beginnt mit der Besichtigung
des schmucken Dorfes.
Die klare Quelle am Lindenbrunnen, das
saubere Pferdegestüt und die historischen Grenzmarkierungen mit Hinweisen,
die uns darüber informieren, daß dieses Dorf bis zu einer Verwaltungsreform
früher zweigeteilt war, nämlich in einen evangelischen, württembergischen
und einen katholischen, badischen Teil.
Im ehemals badischen Teil steht die kleine
Wallfahrtskirche „Maria Hilf", an der wir Wanderer natürlich
nicht ohne ein stilles Gebet vorbeigehen.
Obwohl es noch früh am Morgen ist,
brennen schon sehr viele Opferkerzen und tauchen den Altarraum in ein schwaches,
warmes Licht. Doch was sehen wir im Schein der flackernden Kerzen ?
An einem der Opferstöcke hängt
deutlich sichtbar ein Bund mit vielen Schlüsseln unterschiedlichster
Größen und Bestimmungen.
Das ist doch nicht normal ! Irgend etwas
stimmt hier doch nicht, schießt es uns durch den Kopf. Hier könnte
sich doch jeder selbst bedienen.
Wir müssen unbedingt etwas unternehmen,
damit dies verhindert wird. Deshalb begeben wir uns nach draußen,
ohne die Kirchentüre aus den Augen zu lassen.
In dem Pfarrhaus neben der Kirche schläft
der Pfarrer wohl noch den Schlaf des Gerechten.
Jedenfalls wird auf unser Schellen hin
nicht geöffnet. Was nun ?
Im übernächsten Haus haben wir
mehr Glück. Es wird uns nicht nur aufgetan, die freundliche Bewohnerin
gibt sich auch als für die Betreuung der Kirche zuständig zu
erkennen. Wir informieren sie über unsere Beobachtung, immer noch
ein Auge auf den Kircheneingang gerichtet. Sie rennt sofort mit uns hinüber
und birgt das Corpus delicti.
Das mehrfache „Vergelts Gott" der Messnerin
ist unser Finderlohn und Dank für die vereitelte mögliche Selbstbedienung.
Mit den sichergestellten Schlüsseln hätte man nicht nur einen
sondern alle Opferstöcke der Kirche und die Schränke mit den
wertvollen Meßgeräten und Gewändern öffnen können.
Dieser Tag begann also mit einem echten
Schlüsselerlebnis !
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