Alle Jahre wieder teilt sich die Heerschar der Autofahrer im Winter in die Gattungen des Homo Winterreifiens und die des Homo Sommerreifiens. Während sich der Homo Winterreifiens bereits im späteren Herbst zum Reifenhändler oder in seine Garage begibt und dort die Winterreifen aufzuziehen (oder aufziehen zu lassen), fährt der meistens im Flachland anzutreffende Homo Sommerreifiens unbeirrt mit seinen Sommerreifen weiter. Es gibt ja sowieso keine richtige Winter mehr. Dort wo er wohnt ja schon gleich gar nicht. Und überhaupt, die zusätzlichen Reifen kosten schließlich noch zusätzliches Geld. Alle Argumente, im Winter doch die passenden Reifen aufzuziehen, prallen am Homo Sommerreifiens ab.
Wenn es dann auf die Weihnachtszeit losgeht und es in manchen höher gelegenen Gegenden schneit, kommt der Homo Sommerreifiens plötzlich auf verwegene Gedanken: Man könne ja am Wochenende oder an den Feiertagen mal Bekannte im nahegelegenen Mittelgebirge besuchen oder einfach mal so einen Ausflug mit der Familie dorthin machen. Es ist ja so romantisch, wenn zur Adventszeit die Landschaft mit Schnee bedeckt ist. So macht sich der Homo Sommerreifiens dann auf den Weg in die verschneite Idylle.
Aber wehe, er wird von einem kleinen Schneeschauer überrascht. Dann ist es vorbei mit der Idylle. In Mittelgebirgen, das haben Gebirge wohl so an sich, gibt es nicht nur reichlich Landschaft zu sehen, sondern auch die eine oder andere Steigung zu überwinden. Während es dem einheimischen Homo Winterreifiens keinerlei Probleme bereitet leicht (oder auch nicht mehr so leicht) verschneite Steigungen zu erklimmen, gerät der Homo Sommerreifiens in höchste Not. Hilflos durchdrehend scheitert er an der nächsten Steigung. Und was nun? Falls er nicht schon komplett quer steht und die Straße blockiert oder (was besser für den nachfolgenden Verkehr ist) im Straßengraben hängt, besinnt er sich darauf, daß er sich auf einem Familienausflug befindet. Flugs wird also die Familie zum Anschieben abkommandiert und muß aus der wohligen Wärme das Autos zum Wintersport der unfreiwilligen Art antreten.
Während der Homo Sommerreifiens am Steuer weiterhin mir viel Einsatz (aber meistens wenig Gefühl) hübsche, von links nach rechts und dann wieder nach links driftende Spuren in die hauchdünne Schneedecke radiert, mühen sich Frau und Kind ab, um für Vortrieb zu sorgen und die Steigung zu erklimmen - und hinterlassen dabei niedliche Fußabdrücke zwischen den schlingernden Radierungen des Meisters.
Ist der schlimmste Teil der Steigung erklommen, darf die organische Antriebserweiterung wieder Platz nehmen - bis zur nächsten Steigung...
Geschrieben am 26. Dezember 2001, inspiriert von einem unbekannten Volvo-Fahrer mit Bonner Kennzeichen - und Sommerreifen.
maintainer